Kurt Tucholsky: Der Primus

In einer französischen Versammlung neulich in Paris, wo es übrigens sehr deutschfreundlich herging, hat einer der Redner einen ganz entzückenden Satz gesagt, den ich mir gemerkt habe. Er sprach von dem Typus des Deutschen, analysierte ihn nicht ungeschickt und sagte dann, so ganz nebenbei: »Der Deutsche gleicht unserm Primus in der Klasse.« Wenn es mir die ›Leipziger Neuesten Nachrichten‹ nicht verboten hätten, hätte ich Hurra! gerufen.

Können Sie sich noch auf unsern Klassenprimus besinnen? Kein dummer Junge, beileibe nicht. Fleißig, exakt, sauber, wußte alles und konnte alles und wurde – zur Förderung der Disziplin – vom Lehrer gar nicht gefragt, wenn ihm an der Nasenspitze anzusehen war, dass er diesmal keine Antwort wußte. Der Primus konnte alles so wie wir andern, wenn wir das Buch unter der Bank aufgeschlagen hatten und ablassen. Meist war er nicht mal ein ekelhafter Musterknabe (das waren die Streber auf den ersten Plätzen, die gern Primus werden wollten) – er war im großen ganzen ein ganz netter Mensch, wenn auch eine leise Würde von ihm sanft ausstrahlte, die einen die letzte Kameradschaft niemals empfinden ließ. Der Primus arbeitete wirklich alles, was aufgegeben wurde, er arbeitete mit Überzeugung und Pflichtgefühl, er machte seine Arbeit um der Arbeit willen, und er machte sie musterhaft.

Schön und gut.

Da waren aber noch andre in der Klasse, die wurden niemals Primus. Das waren Jungen mit Phantasie (kein Primus hat Phantasie) – Jungen, die eine fast intuitive Auffassungsgabe hatten, aber nicht seine Leistungsfähigkeit, Jungen mit ungleicher Arbeitskraft, schwankende, ewig ein wenig suspekte Gestalten. Sie verstanden ihre Dichter oder ihre Physik oder ihr Englisch viel besser als die andern, besser als der ewig gleich arbeitsame Primus und mitunter besser als der Lehrer. Aber sie brachten es zu nichts. Sie mußten froh sein, wenn man sie überhaupt versetzte.

Es müßte einmal aufgeschrieben werden, was Primi so späterhin im Leben werden. Es ist ja nicht grade gesagt, dass nur der Ultimus ein Newton wird, und dass es schon zur Dokumentierung von Talent oder gar Gerne genügte, in der Klasse schlecht mitzukommen. Aber ich glaube nicht, dass es viele Musterschüler geben wird, die es im Leben weiter als bis zu einer durchaus mittelmäßigen Stellung gebracht haben.

Der Deutsche, wie er sich in den Augen eines Romanen spiegelt, ist zu musterhaft. Pflicht – Gehorsam – Arbeit: es wimmelt nur so von solchen Worten bei uns, hinter denen sich Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit verbergen. Das Land will seine Kinder alle zum Primus erziehen. Frankreich seine, zum Beispiel, zu Menschen, England: zu Männern. Die Tugend des deutschen Primus ist ein Laster, sein Fleiß eine unangenehme Angewohnheit, seine Artigkeit Mangel an Phantasie. In der Aula ist er eine große Nummer, und auch vor dem Herrn Direktor. Draußen zählt das alles nicht gar so sehr. Deutschland, Deutschland, über alles kann man dir hinwegsehen – aber dass du wirklich nur der Primus in der Welt bist: das ist bitter.

Die Raben

Wenn, Herr, der erste Herbstschnee fliegt;
wenn in der Dorfwelt, die im Sommer brummte,
das letzte Angelus verstummte
und die Natur im Sterben liegt:
dann schick wie alle Jahre wieder
die süßen Raben zu uns nieder.

Welch biestiges und raues Heer!
Der Sturm wohnt unter euren Flügeln,
trägt euch zu Flüssen, Friedhofshügeln,
wo ihr euch sammelt, dreht und trennt:
wirre Muster am Firmament.

Gelassen jagt dem Tod ihr nach,
dort wo aus Frankreichs bösen Tagen
Gebeine aus dem Erdreich ragen,
dass auch der Wand’rer oft erblasst,
wenn ihr ein Ave für ihn lasst.

Doch wo der Sommervogel singt
im lichten Blätterwerk der Linde,
bleibt fern, ihr Engel starker Winde,
auf dass sein Lied wieder erklingt
im späten Mai. Sein heiliger Hain
soll eure Rückzugsstätte sein.

Arthur Rimbaud (dt. Oliver Fehn)

Oktoberlied

Oktober ist ein Weib, das kränkelt
Ein Pflaumenstiel in meiner Hand
Ein Bänkelsänger, der nur bänkelt
Ein dünner Vogelruf am Strand

Ist eine Nacht, die viel zu hell ist
für Worte, die man sonst nie sagt
Ein später Zug, der viel zu schnell ist
Ein Kreuz, das in den Himmel ragt

Ist ein Saal mit vielen Lichtern
Gestank von Salmiak und Urin
Eine Soirée mit vielen Dichtern
Ein Zeichen Gottes im Kamin

In deinem Haar ein weißer Schimmer,
auf deiner Stirn ein Ring aus Reif
Ein kaltes und verhärmtes Zimmer
Auf einem Fahnenmast ein Greif

Ist eine Mutter, schwer mit Sorgen
Ein Kind, das sich im Moor verirrt
Ein Heute, das schon riecht wie Morgen
Ein letzter Kuss … und Winter wird

Oliver M. Fehn

065 oktober