(Be-)Deutungen

garden1

Ich schrieb ein Gedicht
und gab es aller Welt zum Lesen.
Es handelt von den Zuständen in diesem Land,
sagte der Politiker.
Es ist ein Gedicht über die Ambiguität des Nicht-Seins,
sagte der Philosoph.
Es handelt vom Exodus und den Geboten,
sagte der Rabbi.
Es sind einfach nur ein paar bescheuerte Verse
über einen One-Night-Stand,
sagtest du, nahmst mich bei der Hand
und zogst mich mit.

(of)

Deutschland in Apathie erstarrt

Zu sehen, was historisch um uns herum geschieht und trotzdem den alten Mustern hartnäckig treu zu bleiben und z. B. sein Kreuzchen wieder an der gleichen Stelle zu machen, ist ein untrügliches Zeichen von gesellschaftlicher Apathie. Apathie ist die letzte Station vor dem Tod – wer schon einmal beim Sterben einer anderen Person zugegen war, weiß, dass dem natürlichen Tod immer eine apathische Phase vorausgeht. Es kann auch ein fataler Fehler sein, einen apathischen Menschen sich selbst zu überlassen, ja auch nur allein im Zimmer zu lassen, da er sonst vielleicht im Tod die einzige Umstiegsmöglichkeit sieht. Überhaupt gibt es nur eine Chance, jemanden aus seiner Apathie zu befreien – nämlich, ihn stufenweise auf der Tonskala nach oben zu führen, erst zu den negativen, dann zu immer positiveren Emotionen (ein kürzerer Weg existiert nicht). In anderen Worten: Wir müssen wieder lernen, den Schmerz zu spüren, der uns umgibt, dann werden wir auch nach und nach wieder handlungsfähig. So wie es im Moment aussieht, ist dieser Weg uns bewusst versperrt. Das narkotisierende Fernsehen, der Brot-und-Spiele-Charakter des Alltags, das absurde Streben nach Zugehörigkeit und Homogenität mit der Herde, all jene Pseudo-Glückselixiere machen uns unempfindlich gegenüber dem, was wirklich lebensfeindlich ist, so dass im Augenblick der Tod für dieses Volk die einzige Option darstellt. (of)

Warum schreiben Autoren eigentlich permanent übers Schreiben?

Ehrlich gesagt, ich hab die Faxen dick. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht von irgendeiner Seite damit konfrontiert werde: Mit der ständigen Nabelschau des Berufsstands Autor mit ebenjenem Berufsstand selbst. “Ach, immerzu fragen mich die Leute, ob ich ein richtiger Autor bin oder nur so zum Spaß schreibe.” “Ach, meine Kollegin sagt, ich soll einen Plot ausarbeiten, dabei schreibe ich doch viel lieber aus dem Bauch.” Oder man findet bei Facebook so Sachen wie: Soll ich meine Heldin zum Schluss sterben lassen oder nicht, was meint ihr? Sorry, wenn ich das nicht selbst weiß, warum habe ich mich dann nicht einfach für einen stressfreieren Job entschieden, in dem mein Chef mir die Entscheidungen abnimmt?

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie bei dem Knaur-Ableger „Neobooks“ enttäuschte Kandidat(inn)en zu guter Letzt in knallhart-schonungslosen Gonzo-Thrillern die nackte, aber brutale Wahrheit über das korrupte und schmierige Verlagswesen einem fassungslosen Publikum enthüllten, dessen Bestürzung jedoch eher damit zu tun hatte, dass man ihnen private Psychosen und Nervenzusammenbrüche anbot, während sie in Wahrheit nur auf eins warteten: Auf ein lesenswertes Manuskript.

Ihr nehmt euch zu ernst, Leute.

Wisst ihr, wie nervig das ist? Wenn man sich mit einem Kumpel trifft, der zufällig Metzger ist, und er erzählt einem den ganzen Abend von Fleischerhaken, Kühlhäusern und den EU-üblichen Preisen für gehackte Rindsleber oder mittelfettes Schweinsbries? Ihr kennt so jemanden? Dann wisst ihr auch, womit ihr beschäftigt seid, wenn ihr mit ihm zusammen seid: Das Gespräch unter Aufbietung aller Kräfte auf ein Thema zu lenken, das nichts mit Wurst, Mett oder Fett zu tun hat. Denn, geschätzte Autoren, um es einmal mit brutaler Ehrlichkeit zu sagen: Wenn ihr ordentliche Geschichten schreibt, reicht das euren Lesern völlig. Die Genesis eures Werkes, der Schweiß und die Tränen und die inneren Kämpfe, die neidischen Kollegen und wie ihr euch beim ersten Gespräch mit der Lektorin fast in die Hose gepinkelt habt – das mag bei euch selbst für so manche emotionale Wallung sorgen; euer Publikum, mit Verlaub, interessiert sich dafür nicht einmal, wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt.

Ich höre schon das Gegenargument:  Ja gut, unsere Leser interessiert das vielleicht nicht, aber unter Kollegen wird man sich doch wohl austauschen dürfen. Mag sein, für Kollegen mache ich aber meine Facebook-Seite nicht. Die mache ich für Leser, und manchmal auch für Leute, die sich gar nicht für meine Bücher interessieren, dafür aber sonst ganz unterhaltsam sind. Zum Star – auch wenn das für manchen jetzt herb enttäuschend klingen mag – wird man durchs Bücherschreiben sowieso nicht. Ein Star muss man von Natur aus sein; wenn man dann auch noch ein paar gute Sätze schreibt, so als kleine Zugabe – umso besser.

Womit man übrigens noch weniger zum Star wird als durchs Bücherschreiben, ist durchs Jammern. Leider hat auch das Tradition. Alles muss negativ sein. Das Leben als Autor schlechthin – negativ. Die selbständige Krankenversicherung – negativ. Der Bankauszug – negativ. Ich kann mich nicht erinnern, bei Facebook jemals über meinen Beruf gejammert zu haben. Wenn ich ihm nicht gewachsen bin – ich glaube, die Müllabfuhr sucht gerade wieder Leute.

Mit Schreiben, um es einmal mit eigenen Worten zu sagen, ist es wie mit Sex: Man hat ihn, und darüber zu quatschen, falls man keinen hat, wird ihn nicht ersetzen. Daraus kann sich nun jeder selbst ableiten, was ich ihm wünsche. Nichts für ungut.

Oliver M. Fehn

Toll! Seit gestern …

brennende bücherhaben wir einen “neuen” Buchstaben im Alphabet (der uns so seltsam bekannt vorkommt, als gäbe es ihn schon seit dem Mittelalter). Außerdem – ebenfalls seit gestern – dürfen wir jetzt auch unsere Wärmflasche heiraten, wenn wir sie wirklich lieben. Wer hat da schon Zeit, zur Beerdigung zu kommen, wenn am gleichen Tag auch noch die Meinungsfreiheit stirbt?

Alles für alle – und zwar rund um die Uhr

marriedMeine Mutter, deren Ansichten zu Liebe und Ehe erfrischend revolutionär waren, sagte immer, die Ehe sei für sie der größte Humbug überhaupt: eine durch und durch überflüssige Einrichtung. Ich gab ihr damals schon recht, aber inzwischen gebe ich ihr noch viel rechter. Lebensgemeinschaften funktionieren auch ohne Eheschließung, es sei denn, man will unbedingt den kirchlichen Segen oder zumindest die finanziellen Vorteile einer eingetragenen Lebensgemeinschaft genießen. Wenn man mich also fragt, ob ich eine Ehe für alle befürworte, muss ich als Erstes einmal wissen, wer „alle“ überhaupt sind.

Wenn Frau und Mann heiraten wollen, sollen sie, falls sie das wünschen, den kirchlichen Segen bekommen, bei zwei Männern/zwei Frauen halte ich eine gesetzliche und weltliche Garantie auf besondere (z. B. steuerliche) Vorteile für ausreichend; Ehe muss das Ganze nicht unbedingt heißen.  Und wenn es – sagen wir – um die Ehe eines Trans*Mannes mit einem Crossgender geht oder um eine der anderen 60 Geschlechtsidentitäten, geht mir das Verständnis gar ganz flöten. Man kann im großen Bauchladen der Toleranz nicht alles vorrätig haben, zumindest nicht gleichzeitig. Wenn mir die traditionellen Rollen zu konservativ sind, kann ich nicht im gleichen Atemzug meine Liebe zu einer durch und durch konservativen Institution wie der Ehe entdecken.

Es wird in Deutschland mehr und mehr zur Unsitte, dass jeder ein Recht auf alles haben darf. Fett sein, aber an Schönheitswettbewerben teilnehmen; Mutter sein und trotzdem Karrierefrau; „total crazy“ sein und trotzdem Generaldirektor werden wollen; Kinder haben, aber die Erziehung an den Staat abgeben. So funktioniert die Welt aber nicht: Wenn ich eine Entscheidung treffe, muss ich zwei, drei andere Entscheidungen über die Klinge springen lassen, und zwar konsequent. Nicht hiervon eine Unze und davon ein Quentchen – nein, entweder mit Herz und Seele oder gar nicht. Dazu muss man natürlich erst mal wissen, was man will. Der Deutsche weiß es: Er will alles.

Und das für alle. Rund um die Uhr.

Das Ganze natürlich mit kindlicher Begeisterung, ohne jegliches kritische Hinterfragen à la: Wie sieht es bei der „Ehe für alle“ eigentlich mit Adoptionen aus? Ich bin nach wie vor der Meinung, ein Kind braucht zwei verschiedengeschlechtliche Elternteile, um ausgewogen aufzuwachsen, aber wenn die Eltern nun Lann und TjorvenX heißen und sich auch so verhalten? Glaubt jemand ernsthaft, unter solchen Umständen sei eine normale Entwicklung zu einem normalen Jungen oder Mädchen möglich? Oder wäre es vielmehr der Startschuss zur Erschaffung einer ganzen Generation androgyner Weißbrotgesichter?

Spagate sind derzeit zwar die häufigste Übung im politischen Alltag – manchmal mit schweren Bänderrissen – aber am Ende des Tages stellt sich zumindest die Frage, ob es derzeit nicht brisantere Projekte gäbe. Zum Beispiel die Bekämpfung des neuen, aus dem Morgenland importierten Schwulenhasses, der ausnahmsweise nicht mit dem etymologisch falschen Wort „Homophobie“ bezeichnet, sondern möglichst gar nicht erwähnt wird. Hier hätte sich ein „Schnellschuss“ vor der Wahl vielleicht gelohnt. Denn das ist es, was die Bürger interessiert. Nicht, ob Lasse und Tjerk heiraten dürfen, und – nach einer Abhärtungsphase – in einigen Jahren mit Sicherheit auch Lasse und Lassie.

(C) by Oliver M. Fehn