Einfach nur ein Junge aus Hamburg (Buchrezension)

Sein Vater hat immer gleich zugeschlagen. Deshalb schlägt auch er immer gleich zu. Kein typisches Verhalten für einen Jungen, der eine Art göttliche Gabe besitzt – sprich die Fähigkeit, andere mit seinem Atem zu heilen. Und sich wie erwartet dagegen sträubt: Er will nichts Besonders sein, nur ein normaler Junge.

Doch mit normal ist das bei Henrik so eine Sache. Sein spielsüchtiger und aggressiver Vater schimpft ihn „pervers“ – denn Henrik scheint auf Jungs zu stehen. Sein Schulfreund Jan wird zum Dreh- und Angelpunkt seines Lebens – ebenso wie das geheimnisvolle Kästchen, das seine tote Großmutter ihm vererbt hat und ihm das Geheimnis seiner Gabe offenbaren soll. Natürlich wird es eines Tages geöffnet, ziemlich weit hinten im Buch: Eine Gänsehautstelle, über die ich nicht zu viel verraten will.

Ich fand Florian Tietgens Roman erfrischend und kurzweilig: Die Kapitel sind angenehm kompakt, nur das permanente Erzählen auf mehreren Zeitebenen fand ich oft ein wenig verwirrend, und fast schon geärgert hat mich die winzige Schrift (zirka 8 bis 9 Punkt), die für eine Anspannung beim Lesen sorgt, die der zugängliche und gut geschriebene Text nicht verdient hat.

Dankbar bin ich Florian Tietgen dafür, dass er in seinem Buch keine Stereotypen zeichnet: Henrik ist schwul, aber keine Schwuchtel; er ist impulsiv, aber nicht bösartig; er kann Wunder tun und ist doch nur ein Zimmermann aus Nazareth, sorry, ein Schüler aus Hamburg. Sogar der anfangs fiese Journalist Siebert entpuppt sich als fast warmherziger Mensch, doch den ich hätte ich persönlich so gelassen wie er ist, schon weil er einen so ebenbürtigen Gegner für Henrik abgegeben hätte.

Ich kann das Buch nur empfehlen – es ist warmherzig, es ist einfühlsam, es ist auch – auf unaufdringliche Weise – erkenntnisreich, und es liest sich wie erlebt. Dass es autobiografisch ist, bezweifle ich – auch wenn die Figur Henrik vielen von uns etwas zu sagen hat, jedem etwas anderes. In eine Figur, in der man sich so oft wiedererkennt, dachte ich mir, könne man sich beim Lesen eigentlich nicht verlieben.

Aber dann ist es mir doch passiert.

 Oliver Fehn

Florian Tietgen: … wenn es Zeit ist, 219 Seiten, ISBN 1491285524, € 7,89 Print), € 3,99 (eBook)

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