Das Wunder von Santa Monica

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Es war in den achtziger Jahren, als ich in Short Hills lebte, dem Geburtsort meiner Mutter tief im ländlichen New Jersey. In dem Nest, wo es außer zwei großen, an der Peripherie gelegenen Supermärkten kaum Geschäfte gab, von einem Stadtkern ganz zu schweigen, dauerte es lange, bis ein Tag zu Ende ging, und das Aufregendste, was es dort zu hören gab, war das Zirpen der Zikaden in den Bäumen.

Ich war noch jung und wollte was erleben, also fuhr ich fast jeden Tag mit dem Bus nach Manhattan. Gleich in der Nähe des Grand Central Terminal war ein kleines italienisches Eiscafé, wo ich nach Ankunft für gewöhnlich erst mal Rast machte und einen oder zwei Espresso trank.

Diese vielen Cafébesuche sind in meinem Kopf inzwischen zu einem einzigen und langen verschmolzen, doch an einen Tag – es war Sommer und hatte seit Wochen nicht geregnet – erinnere ich mich genau.

Ich weiß noch, dass die Zeitungen von einer Dürre berichteten, die den Farmern in New York State und New Jersey fürchterlich zusetzte, und der Wetterbericht stellte keine Erlösung in Aussicht. Wohin man auch kam, alle sprachen über die Hitzewelle. Die Prediger auf den Straßen nannten sie eine gerechte Strafe des Herrn für das Babylon, zu dem dieses Land verkommen sei, und schaltete man den Fernseher ein, kamen Bilder von ausgedörrten Feldern, deren Halme im heißen Wind wehten wie das Haar von Greisen.

Auch in dem Eiscafé war seit Wochen über nichts anderes geredet worden, und an jenem Tag, als ich an meinem gewohnten Platz saß und meinen Espresso schlürfte, hörte ich den Wirt sagen: „Wir können nur noch auf ein Wunder hoffen. Aber Wunder gibt es ja bekanntlich nicht.“

Da erhob sich aus dem Gebrumm der Leute an der Theke eine Stimme, die sich unverkennbar nach Teenager anhörte: „Wer sagt Ihnen denn, dass es keine Wunder gibt? Wenn Sie mich fragen, ich glaube an Wunder. Hab schließlich selbst eins erlebt.“

Es war ein etwa 12-jähriger Junge mit einer Baseballmütze, einem roten T-Shirt und viel zu weiten Jeans. Er hatte es gewagt und sich in das Gespräch der Erwachsenen eingemischt, wofür man ihn jetzt durch Nichtachtung bestrafte.

„Ich habe selbst ein Wunder erlebt“, sagte er noch einmal, aber es war niemand da, der ihm Gehör schenkte, deshalb schaufelte er sich bald wieder mit dem Löffel durch seinen Eispokal, sichtlich betrübter als zuvor.

„Hey, du“, rief ich. „Erzähl mir von deinem Wunder.“

Er sah mich an; nur seine Augen hoben sich, der Kopf verharrte in der gleichen Haltung. Und vermutlich dachte er, ich wolle ihn veräppeln, denn er starrte sofort wieder auf sein Eis.

„Ich meine es ernst. Ich würde gerne mehr über dein Wunder erfahren.“

Er hörte auf zu löffeln. Diesmal hob er den ganzen Kopf, und obwohl er keine Miene verzog, war da etwas in seinem Gesicht, das mir zulächelte.

„Darf ich mich zu Ihnen rübersetzen, Mister?“

Da er sein Eis und seinen neongrünen Rucksack mitbrachte, ging ich davon aus, es würde eine längere Geschichte werden. Und so war es auch.

„Ich habe nie an Wunder geglaubt“, sagte er. „Hielt das immer für totalen Quatsch. Wissen Sie, meine Eltern schickten mich jeden Sonntag in die Methodistenkirche, und da war auch die ganze Zeit von Wundern die Rede: Na gut, ich hab’s mir angehört und alles wieder vergessen, noch bevor ich zu Hause ankam. Bis an jenem Tag im vorigen Mai, als ich mit meinen Eltern in Santa Monica war. Santa Monica, falls Sie’s nicht wissen, liegt am anderen Ende der Welt, jedenfalls fast, und wissen Sie was? Seit jenem Tag glaube ich noch an ganz andere Sachen. An den Himmel, an Gott, und an alles Mögliche. Aber ich muss von vorn anfangen.

Wissen Sie, ich hatte eine Hündin namens Peggy, eine echt hübsche Schäferhündin. Ich hab sie bekommen, als ich in die Schule kam. Wir lebten damals noch in Princeton, New Jersey, und da gibt es eine Menge Farmland und Wiesen, und jeden Tag hab ich mein Fahrrad genommen und bin mit Peggy hinaus zum Fluss gefahren, wo man mit seinem Hund wunderbar baden kann, und wir hatten immer einen Ball dabei und haben gespielt, und ich hab Peggy immer gewinnen lassen, weil sie im Toreschießen einfach nicht so gut war. Dafür war sie schnell, viel schneller als ich, und ich bin bestimmt nicht langsam. Na gut, und voriges Jahr im Sommer waren wir auch da draußen, und ich werfe wieder den Ball, damit Peggy ihn mir bringen kann, aber sie tut – nichts.

Was ist denn los mit dir, sage ich, hast du die Lust verloren? Und da gucke ich zu ihr runter und merke, dass sie zwar losspurten will, aber es geht nicht. Und dann höre ich sie so komisch pfeifen, wissen Sie, wie Hunde pfeifen, wenn sie traurig sind, und ich hab mich zu ihr runtergebückt, und dann hab ich mitgekriegt, sie konnte ihre Hinterläufe nicht mehr bewegen. Ich dachte, vielleicht ist sie nur erschöpft, also ging ich ein paar Meter weg von ihr und rief ihren Namen, aber da winselte sie noch lauter, und ich wusste auf einmal, dass etwas Schlimmes mit ihr passiert sein musste. Ich ließ mein Fahrrad im Gras liegen und trug sie bis zur Stadt, sie war verdammt noch Mal nicht leicht, und wir mussten ein paar Mal eine Pause einlegen, aber ich bin verdammt noch Mal nicht schwach, und zum Glück lag die erste Bushaltestelle gleich am Stadtrand. Der Fahrer wollte mich erst mit dem Hund nicht reinlassen, aber ich sagte ihm, wenn er mich und den Hund loswerden wolle, müsse er schon Gewalt anwenden, und da hat er sie dann doch mitfahren lassen, und ich glaube, wenn die Haltestation nicht gleich in der Nähe von unserem Haus gewesen wäre, hätte ich’s nicht mehr geschafft.“

Ich bestellte noch einen Espresso und fragte den Jungen, in dessen Eispokal nur noch milchige Reste schwammen, ob er auch noch was haben wolle, und er sagte, nicht nötig, aber schließlich einigten wir uns auf einen Bananen-Shake.

„Darf ich dich nach deinem Namen fragen?“

„Matthew. Nennen Sie mich einfach Matt.“

„Okay, Matt, erzähl weiter.“

„Na ja, Peggy war gelähmt. Für immer. Wie das passieren konnte, von einer Sekunde zur anderen, das hat mir der Tierarzt zwar erklärt, aber ich hab’s wieder vergessen, vielleicht auch, weil ich’s nicht kapiert hab, aber das war noch nicht das Schlimmste. Denn ich schwör’s Ihnen, ich hab sie jeden Tag viermal rausgetragen, wenn sie musste, das hat mir nichts ausgemacht. Aber dann kam’s so richtig dicke. Nach ein paar Wochen bekam Peggy Schmerzen, sie heulte den ganzen Tag und fraß nichts mehr, und weil sie nichts fraß, konnten wir ihr natürlich auch die Schmerztabletten für Hunde nicht unters Futter mischen, und eines Tages“ – er schluckte und stellte sein Glas, von dem er gerade trinken wollte, wieder vor sich ab – „eines Tages sagte der Tierarzt: Ich kann nichts mehr für sie tun, Matt.“

Wir schwiegen. Von der Theke her ertönte das übliche Stimmengewirr, das jetzt laut klang wie Maschinengeratter, und immer wieder waren die Worte „Hitze“ und „Regen“ zu vernehmen. Matt sah aus, als wäre alles gerade jetzt passiert, in diesem Moment, und nur um irgendetwas zu tun, nippte ich unnötig oft von meinem Espresso.

„Die Fahrt zum Tierarzt, na ja, Sie wissen schon, wie das ist. Jedenfalls, auf der Rückfahrt saßen wir allein im Auto, Peggy war nicht mehr mit dabei. Ich glaube, wir haben ihr damit einen Gefallen getan. Nicht uns, aber ihr. Und mein Großvater hat mich getröstet, weil er Peggy auch geliebt hatte, und jetzt passen Sie auf, was mein Großvater gesagt hat. Er hat gesagt: ‘Matt, immer wenn jemand diese Welt verlässt, den du geliebt hast, wird er dir ein Zeichen schicken. Du musst nur die Augen offenhalten.’ Also ging ich ab sofort jeden Tag zum Fluss, an dem wir so oft gesessen hatten, und wartete auf dieses Zeichen. Aber es kam nicht. Ich dachte mir, vielleicht sehe ich sie vom Himmel runtergucken oder in den Wellen im Wasser oder abends im Mond, aber da war nichts. Selbst wenn ich nur ‘ne Sternschnuppe gesehen hätte, hätte ich Stein und Bein geschworen, das sei Peggy, aber ich konnte suchen und schauen, wo ich wollte, es gab nichts, was irgendwie auch nur im Entferntesten nach ‘nem Zeichen aussah. Nachts im Bett hab ich mit Peggy gesprochen, im Kopf natürlich nur, aber es kam kein Gebell von ihr zurück, auch nicht im Kopf. Irgendwann hab ich’s dann aufgegeben mit dem Zeichen und zu meinem Großvater gesagt: Bei mir funktioniert das nicht. Er hat nur gegrinst und gesagt: Es muss erst der richtige Zeitpunkt kommen.

Ja, und dann waren wir voriges Jahr in Santa Monica, meine Eltern und ich, weil wir endlich mal die Westküste sehen wollten, da ist ja der Pazifik, der ist ganz anders als das Meer hier bei uns, und wir wohnten in ‘nem Hotel direkt am Strand, und eines Tages hatten wir Streit, wegen irgend ‘nem Dreck, aber Sie wissen ja, man ist manchmal hohl in der Birne, und jedenfalls redeten wir nicht mehr miteinander, und ich war niedergeschlagen, und meine Eltern glaube ich auch, und keiner sagte ein Wort, als wir ins Hotel zurückliefen, um uns das Salz von der Haut zu duschen und danach schlafen zu gehen. Aber dann gucke ich so auf den Gehsteig vor mir und denke, ich seh nicht richtig. Erschrecken Sie jetzt nicht, Mister, aber da stand der Name ‚Peggy‘ ganz tief in die Pflastersteine geritzt, mit ‘nem scharfen Messer oder so, jedenfalls konnte man’s deutlich lesen, und da hab ich als erster das Schweigen gebrochen und zu meinen Eltern gesagt: Wartet mal, ich glaube, das ist mein Zeichen. Und da haben sie wieder mit mir geredet und Mom hat gesagt, Peggys gibt es viele auf der Welt, nicht nur dein Hund hat so geheißen, das waren sicher irgendwelche Kids. Aber irgendwie ließ mich die Sache nicht in Ruhe, und ich sagte zu Dad: Los, das fotografieren wir. Also sind wir rauf in unser Hotelzimmer, um den Fotoapparat zu holen.“

Ich räusperte mich. „Versteh mich nicht falsch, Matt, es kann natürlich sein, dass es ein Zeichen von deiner Peggy war. Aber der Name ist in diesem Land ja keine Seltenheit. Und Namen, irgendwo in Gehsteige geritzt, gibt es massenweise, auch hier in New York. Es kann alles bedeuten und nichts. Aber glaub einfach daran, dass es deine Peggy war.“

„Warten Sie doch“, sagte er. „Die Geschichte geht ja noch weiter. Wir gehen also rauf ins Zimmer, und dann sind mein Vater und ich mit der Kamera runtergelaufen, um es zu fotografieren. Und was denken Sie, was dann passiert ist? Es war nicht mehr da. Der Name war verschwunden, dabei hatten wir uns die Stelle, wo wir ihn gesehen hatten, genau gemerkt. Dad sagte, das kann nicht sein, wir müssen woanders suchen, aber was nützt es, etwas woanders zu suchen, wenn es nur hier sein kann? Wir irrten eine halbe Stunde lang dort unten rum, dann fuhren wir mit dem Lift wieder hoch, und keiner guckte den anderen an, weil er wusste, dass ihm die Augen übergingen, und ich war mir jetzt sicher, dass meine Peggy mir ihr Zeichen geschickt hatte.“ Er schluckte und ließ ein paar Sekunden verstreichen, ehe er weitersprach. „Ja, und seitdem, Mister, glaube ich an Wunder.“

Ich trank den letzten Schluck und war jetzt fast verärgert über die Leute an der Bar, die diesen Jungen einfach ignoriert hatten. Leider fiel mir nichts ein als die üblichen Floskeln, mit denen man auf solche Geschichten reagiert.

„Willst du noch was trinken?“ fragte ich nach einer Weile.

„Nö, Mister, ich muss nach Hause, meine Eltern warten auf mich. Wissen Sie, das ist auch so ‘ne Sache – seit diesem Erlebnis vertragen wir uns viel besser und streiten nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit. Wunder geschehen immer, wenn der richtige Zeitpunkt dafür ist.“

Er stand auf, schnappte sich seinen Rucksack und ging zur Tür. Dann drehte er sich noch einmal um und rief:

„Nächstes Jahr, zu Peggys Geburtstag, werde ich wieder nach Santa Monica fliegen. Dann leg ich dort ein paar Blumen nieder, wo ihr Name gestanden hat. Und einen Beißknochen leg ich auch dazu. Drücken Sie mir die Daumen, dass alles klappt.“

Dann ging er, und durch die Glasscheibe sah ich ihn im Straßendickicht verschwinden.

„Der hat Sie ganz schön zugequatscht, was?“ sagte der Kellner, als ich bezahlte.

Auf mich wartete ein New Yorker Nachmittag, und wenig später schlenderte ich die 42. Straße entlang. Die Schwüle war noch drückender geworden, die Luft wie Sirup, aber in Höhe des Bryant-Parks hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass der Himmel sich zuzog und plötzlich ein kühler Wind blies. Dann donnerte es und donnerte noch einmal, und kurz darauf traf mich der erste Regentropfen, dann der zweite, und nach ein paar Minuten musste ich mich in einem Ladeneingang unterstellen, um nicht bis auf die Haut nass zu werden.

Da war er endlich: Regen, Regen, süßer Regen, und ein paar Spaziergänger gesellten sich zu mir, und wir hoben die Arme zum Himmel wie in einem kitschigen Hollywood-Film und lachten.

„War auch höchste Zeit“, rief eine Frau, als wollte sie die ganze Stadt darüber informieren. „Noch ein paar Tage, hieß es in der Zeitung, und die ganze Ernte wäre vernichtet gewesen.“

„Wunder geschehen immer, wenn der richtige Zeitpunkt dafür ist“, sagte ich, und sie warf mir einen argwöhnischen Blick zu. Dann fing sie wieder an zu lachen.

Es war ein Tag, an dem New York lachte.

 

© by Oliver M. Fehn

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