Hier habt ihr eure Nazis!

nazis zeit

Meine Mutter hatte ein Buch im Regal, mit dem Titel „Der hässliche Deutsche“. Ich war ein kleiner Junge und dachte, das Buch handle von einer bestimmten Person – von irgendeinem Deutschen eben, der nicht gerade mit Schönheit gesegnet war. Auf meine Frage nach der Identität dieser Person antwortete sie: „Es geht nicht um einen bestimmten Deutschen, es geht auch nicht um alle Deutschen. Es geht darum, dass Menschen, wenn sie in die Enge getrieben werden, stets die hässlichste Seite ihrer Wesensart präsentieren.“

Der hässliche Deutsche – war es das, was wir in den letzten Tagen in Heidenau (und auch anderswo) zu sehen bekamen? Jener beschämende Auftritt eines wutentbrannten Pöbels, der neuangekommene Flüchtlinge mit den Worten „Raus mit dem Dreck“ niederschrie? Vielleicht. Wenn aber stimmt, was meine Mutter mir damals sagte (und ich zweifle nicht daran), so lässt sich feststellen: Solche Exzesse können verhindert werden. Diesen widerwärtigen Empfang hätte man den nach Deutschland kommenden Asylbewerbern ersparen können.

Tatsache ist: Ganz am Anfang gab es eine Asyldiskussion. Oder hätte es eigentlich geben sollen. Da erhoben eine Menge Menschen die Stimme, die Bedenken hatten, ob Deutschland sich so etwas leisten könne, ohne den Lebensstandard seines eigenen Volkes empfindlich zu beschneiden. Andere hatten Angst vor einer noch gewaltigeren Kollision mit noch mehr islamischer Kultur, die in einem aufgeklärten Staat einfach fehl am Platze ist. Man legte Zahlen vor, Fakten, handfeste Tatsachen – mit dem Ergebnis, dass all diese Bedenkenträger pauschal zu „Nazis“ abgestempelt wurden, zu Faschos und Rassisten, oder von der kindlichen Schar der Unkritischen, die sich bei Facebook jeden Tag unbändig auf Deutschlands neues schwarzes Spielzeug freuten, mit Spott und Hohn übergossen wurden. Da wurde auch schon mal ignoriert, wenn ein deutsches Schulmädchen von einem afrikanischen Flüchtling begrabscht wurde oder Asylbewerber auf ihre Essenspakete pinkelten. Beim Aufstand der Anständigen darf schließlich anstandslos gelogen und verschwiegen werden. Die Presse half tatkräftig mit – selten erschienen so nichtssagende Meldungen über „mutmaßliche Personen“, die andere „mutmaßliche Personen“ bei einem „Handgemenge“ mit dem Messer verletzt hatten.

Die Diskussion war hinüber, übrig blieben Schmähungen und – auf den Seiten einiger D-Promis – die tägliche, vor Einfalt triefende Story fürs Herz: Guter Flüchtling rettet Kätzchen – Seligsprechung? (so ähnlich jedenfalls). Wer sich weiterhin gesprächsbereit zeigte, erntete nur Schweigen. Ich habe mehrmals in meinem Blog und auch bei Facebook Anstöße gegeben, zum Gedankenaustausch aufgerufen – Schweigen. Und das keineswegs als Zeichen von Diplomatie. Das höfliche Schweigen mag es in englischen Salons geben, angesichts einer solchen politischen Lage gibt es nur noch jenes andere Schweigen – das feige.

So kann man Menschen nicht behandeln – irgendwann lahmt ihre Gesprächsbereitschaft. Und das ist grundsätzlich die Stunde der Lauten und Dummen, die von vornherein nicht diskutieren, sondern nur Krach machen wollten. Sie wittern genau dort ihre Chance, wo Argumente ohnehin unerwünscht sind. Hier habt ihr sie nun, eure Nazis, die ihr monatelang mit aller Kraft heraufbeschworen habt. Und die sich sagen: Wenn jeder Andersdenkende in diesem Land ein Rassist ist, okay, dann gehören wir wohl zu einer stolzen Mehrheit, also lasst uns gleich Nägel mit Köpfen machen. Sie sind eure Kreation, liebe Mitleidsheuchler, liebe schreibende Dummchen und „Bloggerinnen“, liebe FB-Freundschaftskündiger, Beitragssperrer, Posting-Petzeliesen und Beckenrandschwimmer. Die Leute, die jetzt das Wort ergriffen haben, könnt ihr mit eurem schulmädchenhaften Schweigen nicht mehr vertreiben. Gegen die müsst ihr schon härtere Geschütze auffahren. Und dabei möchte ich euch live sehen.

©  2015 by Oliver M. Fehn

Zwei Gedichte von Charles Baudelaire

Satanslitaneien

Der du der klügste, schönste aller Engel warst,
verrat’ner König, dessen Krone barst.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Verstoß’ner Prinz, dem Unrecht man getan,
der aber stark blieb, sich erhob und neu begann.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Allwissender und Gott, der im Verborg’nen weilt
und der die Seelen der Getret’nen und Betrübten heilt.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Der du dem Paria, an dem der Aussatz frisst,
durch deine Liebe zeigst, was Eldorado ist.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Der du mit deiner Buhlschaft – Schwester Tod – die Welt umreist
und uns den süßen Wahn schenkst, den man Hoffnung heißt.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Den Blick des Mannes am Schafott nährst du mit stolzem Gift,
dass wie ein Fluch er den verhassten Pöbel trifft.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Du kennst die finst’ren Winkel dieser neiderfüllten Welt,
wo Gott Juwelenstaub und Gold verborgen hält.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Du kennst die Zwergenhöhlen in den Schächten,
wo Silber blinkt und glitzert in den Höllennächten.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Die Schlafwandler schützt du mit sanften Krallen,
dass sie nicht in die Gruben ihres kranken Heilands fallen.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Den Trunkenbolden gibst du deinen Zauber mit,
bewahrst sie nächtens vor der Pferde Tritt.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Ja, dem Gehetzten, der um Trost fleht, hast du beigebracht,
was ein Genie aus Schwefel und Salpeter macht.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Dem widerlichen Krösus, hart wie Stahl,
zeichnest du auf die Stirn dein finst’res Mal.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Dem Herz der Dirnen hast du auferlegt,
dass es für die Vergess’nen und Verlor’nen schlägt.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Dem Rachegeist und jedem Dieb vor seinem Richter
bist du ein Hirtenstab, und Lampe für den Dichter.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Stiefvater aller, die mit einem Säbelhieb
der wüste Vatergott aus seinem Garten trieb.
Erbarm dich, Satan, meiner schweren Qualen.

Gebet

Ehre und Lob dir, Satan, in des Himmels Hallen,
wo keiner mehr der Freiheit Trommel schlägt,
und in der Hölle, wo du jetzt, in bitt’rer Schlacht gefallen,
wartest und schweigst und träumst. Lass meine Seele fliegen
und mich einst unterm Baume der Erkenntnis bei dir liegen,
wenn er als Tempeldach erstrahlt und wieder Blüten trägt.

(Deutsche Nachdichtungen: Oliver Fehn)