Aus “Judith und Jolanthe” (Novelle, Pandämonium-Verlag)

Ein anderes Mal, auf dem Heimweg, sahen sie am Wegrand ein Vergissmeinnicht, das die Asphaltdecke durchbrochen hatte.

„Ist das nicht erstaunlich?“ fragte Jolanthe.

„Das sieht man in der Stadt überall.“

„Trotzdem.“ Sie bückte sich und streichelte die blauen Blütenblätter. „Eine so winzige Blume, die eine so brutale Kraft entwickelt. Ich kann mir das nicht erklären.“

Sie liefen weiter und schwiegen. Nach einer Weile sagte Levin: „Ich glaube, ich habe eine Erklärung gefunden.“

„Nämlich?“ Sie bot ihm ein Bonbon an, aber er schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, es liegt daran, dass das Vergissmeinnicht schon immer das war, was es ist, und die Asphaltdecke nicht.“

Sie machte ein finsteres Gesicht. „Das ist doch keine Erklärung.“

„Wenn man ein bisschen nachdenkt, schon. Das eine lebt, das andere nicht. Was lebt, ist immer besser als das, was tot ist. Ich hab mal einen Film gesehen, in dem alle Menschen ausstarben, und nur noch die Natur übrig blieb und der ganze technische Krimskrams, den sie erschaffen hatten. Natürlich war bald alles von Bäumen und Gräsern überwuchert. Die Maschinen gingen vor die Hunde. Es entstand wieder ein Urwald. Dieses Vergissmeinnicht hat den Asphalt durchbrochen, weil es ein Stück Urwald ist. Das Wilde setzt sich immer durch. Ist doch nicht so schwer zu kapieren, oder?“

„Na ja“, sagte Jolanthe nachsichtig. „Und wie heißt dieser Film?“

„Keine Ahnung. Vielleicht habe ich ihn mir ja grad erst ausgedacht, das weiß man bei mir nie.“

© 2014 by Oliver M. Fehn

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