Nach den Frauen

der Silvesternacht fragt seltsamerweise kein Mensch mehr. Kein “Schicksalsbericht” erschien in einer der Gazetten, kein einziges Gesicht tauchte je in einem der TV-Magazine auf. Es ist, als wolle man sie aus der Erinnerung der Öffentlichkeit löschen – als wäre da nie etwas gewesen. Keiner weiß, wie sie die Ereignisse bisher verarbeitet haben, was sich in ihrem Leben geändert hat, ob manche von ihnen vielleicht bis auf weiteres den Anblick männlicher Artgenossen nicht mehr ertragen. Ich könnte es verstehen. Aber Politik und Presse interessiert das nicht. Die sind eher mit der Rechtfertigung der Täter beschäftigt. Die Frauen von Köln sind die einsamsten Opfer der Welt.

Gott

will nicht, dass wir von ihm berauscht sind. In solchen Momenten lässt er uns gern etwas zappeln. Er ist dann ganz nahe bei uns, wenn wir ihn – wie selbstverständlich und ohne Fanatismus – als Teil unseres Lebens anerkennen.

Wenn wir bedenken

dass unser individuelles Bewusstsein das einzige Schlüsselloch ist, durch das ein wenig Licht der Realität zu uns vordringt, ist der Glaube an ein Leben nach dem Tod auf den ersten Blick ein Zeichen erheblicher Selbstüberschätzung. So wichtig ist unser persönlicher Bewusstseinskanal nicht für den Fortbestand der Welt; er ist, sagen wir, sowohl biologisch als auch theologisch vernachlässigbar. Und dennoch bleibt da diese Sehnsucht, diese fast schon Gewissheit, das mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Ich habe mehrmals im Leben eine Nacht lang Totenwache gehalten, und ich spürte, dass ich nicht allein im Raum war. Allein wäre mir elend zumute gewesen, aber ich stand nicht außerhalb von etwas, sondern inmitten von etwas, und das war ein mächtiger Trost.

Die Selbsthinrichtung der Katja Piel

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„Talent borrows, genius steals“, soll Oscar Wilde einmal gesagt haben – und lag damit ausnahmsweise voll daneben. Genies haben es in der Regel nicht nötig, zu stehlen – Genies sind eher damit beschäftigt, aus den zahllosen Einfällen, die sie täglich haben, eine überschaubare Auswahl zu treffen. Genies jedoch befinden sich unter den sogenannten Indie-Autoren (meist sind es Autorinnen) nur selten – so viel lässt sich nach einer mehrjährigen Testphase durchaus feststellen. Es mag Glanzlichter geben, doch bei einem Streifzug durch die Indie-Literatur stößt man am häufigsten auf banale Groschenroman-Geschichten, verfasst von Frauen zwischen siebzehn und siebenundfünfzig, mit dem großen Traum, zur „berühmten Schriftstellerin“ zu werden. Wenn dann – wie zu erwarten – kein Output mehr kommt, schrecken einige auch vor Plagiat nicht zurück. Diesmal war es die Autorin Katja Piel.

Zwei ganze Romane soll sie teils wortwörtlich aus Mystery- und Julia-Heftchen abgekupfert und mit neuem Titel unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht haben. Ihre Ausrede: Sie habe die Romane vor Jahren als Tippübung abgeschrieben, dann inmitten ihrer eigenen Texte gespeichert und nun nicht mehr gemerkt, dass sie nicht von ihr sind. Dagegen war die Entschuldigung einer anderen Texträuberin, die ebenfalls vor Jahren von sich reden machte, ja geradezu harmlos: Die wollte die gestohlenen Textpassagen damals als „Platzhalter“ verwendet und schließlich „vergessen“ haben, sie auszutauschen.

Allein die Art der Ausreden zeigen, dass solche Tippsen von der wirklichen Arbeit eines wirklichen Autors keine Ahnung haben. Kein Mensch, der ernsthaft an einem Buch arbeitet, „vergisst“ das Ändern von Passagen, „übersieht“ in seinen Texten in letzter Sekunde etwas oder „kann sich nicht erinnern“. Ein Autor, der sein Handwerk ernst nimmt, ist Tag und Nacht mit seinem Buch beschäftigt, prüft jede Silbe, feilt an seinen Sätzen und braucht, wenn er fertig ist, nicht selten Urlaub. Und dann kommen diese flockigen, pfeifenden Happy-go-Lucky-Mädels daher, die über alles mitreden können, aber von nichts eine Ahnung haben, schütteln sich so ganz nonchalant einen Roman von der Palme und seufzen „Hach ja, hab ich doch was vergessen“, so wie jemand vielleicht sagen würde: „Mist, hab ich doch grad kein Tempo einstecken.“

Die Wurzel des Übels liegt tatsächlich darin, dass heute jeder alles veröffentlichen darf und somit tausend schiefe Selbsteinschätzungen entstanden sind. Sie krempeln sich die Ärmel hoch und sagen „Nun beweise ich der Welt, was ein Roman ist“, setzen sich hin und leiern ihre Story-Schablone runter (was dann zu solchen Interview-Bonmots führt wie „Die besten Ideen habe ich beim Zwiebelschälen“) – aber in Wirklichkeit geht es ihnen nicht darum, der Welt eine Geschichte zu schenken, von der die Welt auch etwas hat, sondern eitel zu glänzen, sich auf der Buchmesse an der Seite von Frank Schätzing oder Markus Heitz fotografieren zu lassen und sich in ihrer eigenen Eitelkeit zu sonnen. Was ist da schon ein Plagiat?

Doch bevor nun alle sich auf Katja Piel einschießen: Sie ist ertappt worden, okay, sie hat halt Pech gehabt – ich möchte jedoch nicht wissen, wie viele ihrer Kolleginnen es ihr gleichtun würden, wenn sie wüssten, dass sie ungeschoren davonkämen. Es sind die gleichen Leute, die früher horrende Summen an Druckkostenzuschuss-Verlage bezahlten, nur um danach ein Buch in Händen zu halten, das eigentlich gar keins war. Aber darum ging es ja nicht. Es ging ja um Glanz und Gloria und einen Promi-Status.

Da ist so etwas wie persönlicher Stolz nur hinderlich.

© 2016 by Oliver Fehn

Tag der Tränen

Auch für dich kommt der Tag der Tränen,
sagten sie als Kind zu mir,
und manchmal wache ich morgens auf
und denke: Das muss er sein.

Da hallen meine Schritte im Haus.
Da finde ich beim Aufräumen
in einer Schublade
ein staubiges Souvenir.
Da spielt irgendwo in der Straße
ein Akkordeon,
müd und verstimmt.
Und alles ist wie von Regen begleitet.

Das muss er sein,
flüstere ich, setze Kaffee auf wie immer
und verbiete mir strengstens zu weinen,
nur damit ich Unrecht behalte.

© by Oliver M. Fehn