Ca. 4.25 Uhr

Die ganze Nacht habe ich den Wind gehört,
wie er durch die Bäume toste
und Mülltonnen umwarf
oder Regenkämme über die Straßen jagte,
und dachte mir:
Alles und jeder muss heute einen Namen haben,
heute heißt es Sturmtief Elsa
oder Sturmtief Sally,
und mir fiel die Zeit ein,
als wir Kinder waren
und die Tage einfach grau oder grün oder blau,
und ich sagte mir, es war eine bessere Zeit,
als der Wind noch keinen Namen hatte.

Lex Talionis

“Die Wiedereinführung des Lex Talionis würde einen völligen Umsturz des gegenwärtigen, auf monotheistische Ideale gestützten Un-Rechtssystems erfordern, in dem das Opfer/der Selbst-Verteidiger kriminalisiert werden. Für jeden, der wegen seines vermeintlichen „Einflusses“ auf den tatsächlichen Straftäter im Gefängnis sitzt, sollte eine Amnestie erwogen werden. Jeder ist in seinen Taten von irgendwo beeinflusst. Das Erschaffen von Sündenböcken ist zu einer Lebensart geworden, zum Mittel für die Unfähigen, um zu überleben. Als Erweiterung des monotheistischen Ausweichmanövers, dem Teufel für alles die Schuld zu geben, können Kriminelle mit Nachsicht, ja Anerkennung rechnen, wenn sie die Schuld auf einen passenden Schurken abschieben. Gemäß dem Satanischen Grundsatz „Verantwortung tragen die, die verantwortlich sind“ muss in einer Satanischen Gesellschaft jeder die Folgen seines eigenen Handelns zu spüren kriegen, egal ob gut oder schlecht.”

Anton LaVey, “Pentagonal Revisionism”

Wie sich die Zeiten

in ihr Gegenteil verkehrt haben. Heute weisen brave, linientreue Studenten ihre kritischen Professoren zurecht, Jugendgangs verprügeln Kioskbesitzer, weil sie Alkohol verkaufen, Kinder empören sich über rauchende Eltern, die Rechten zitieren Tucholsky, und die Linken wissen gar nicht, wer Tucholsky überhaupt war.

An fremden Gräbern

graves 05

An fremden Gräbern bleib ich manchmal steh’n
und stell mir vor, man würde mich dort spüren,
und hinter einer letzten Tür von tausend Türen
würden sich tote Augen öffnen und mich seh’n.

Ich wär so gern ein Gott, den keiner kennt:
perfekt getarnt mit Rachsucht in den Augen
und Fäusten, die zu nichts als Unheil taugen,
und der sich doch vor Liebe heimlich selbst verbrennt.

So schlag ich Wurzeln unter Friedhofsbäumen,
sitze bei den Verlorenen, bis es tagt,
und hoffe, es gibt ein paar Kinder, die mich träumen,
und eine Greisin vielleicht, die mich ahnt und Amen sagt.

© Feb 1, 2016 by Oliver Fehn