Lady in Black

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Welcher schlechte Geschmack darf’s denn sein?

geschmacksrichtung 02

Den Preis für das „geschmackloseste Posting des Tages“ hätte Beatrix von Storch sich verdient, schrieb die WELT – und ich befürchtete schon das Schlimmste. Hatte Frau Storch die Opfer irgendwie beleidigt? Die Tat heruntergespielt? Einen dummen Witz gemacht? Das waren die einzigen Geschmacklosigkeiten, die mir einfielen. Doch nichts von alledem. Frau Storch hatte geschrieben:

“Viele Grüße aus Brüssel. Wir haben soeben das Parlament verlassen. Hubschrauber kreisen. Militär rückt an. Sirenen überall. Offenbar viele Tote am Flughafen und am Zentralbahnhof. Hat aber alles nix mit nix zu tun.”

Hmm … mag sein, dass sie damit nicht den speziellen Geschmack der WELT getroffen hat, aber geschmacklos ist vielleicht doch etwas anderes. Viel wahrscheinlicher ist es, dass Beatrix von Storch mit ihrem Nachsatz einer Handvoll Leuten den Wind aus den Segeln genommen hat, die, noch ehe die letzte Bombe explodiert war, sich wie gewohnt darum bemühten, das goldene Kalb Islam als solches von der Sache freizusprechen. Denn ob es nun der Terror von Paris oder die widerliche Silvesternacht von Köln war – die Relativierer lauern bekanntlich schon hinter der nächsten Ecke. Bei Facebook erscheinen dann regelmäßíg Sprüche wie „Islam hat mit Islamismus so viel zu tun wie Fasching mit Faschismus“, oder meinetwegen auch „Islamismus ohne Islam ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“. Erst wenn diese Frage geklärt ist, gestattet man sich ein wenig Anteilnahme. Die Nazis weinten schließlich auch erst über den brennenden Reichstag, als sie den letzten davon überzeugt hatten, dass nur Juden dahinterstecken konnten.

Und nun hatte Frau Storch alles kaputtgemacht. Wie bei jenem Lehrer an unserer Schule, der nur zwei Standardantworten kannte, von denen wir die zu erwartende bereits vor uns hinflüsterten, bevor sie so sicher wie das Amen in der Kirche auch kam – und das darauffolgendfe Gelächter nur umso heftiger ausfiel. Da diese Form von Hohn nun vorprogrammiert war, warf man Frau Storch  sicherheitshalber auch noch vor, zu wenig Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer gezeigt zu haben. Nur gut, dass Frau Merkel das inzwischen erledigt hat – natürlich aus dem gleichen vergilbten Manuskript der Betroffenheits-Gemeinplätze, das stets bemüht wird, wenn irgendwo auf dieser Welt Unrecht geschieht: Wir sind erschüttert und wir fühlen mit den Hinterbliebenen, und es ist unser aller Pflicht, und wir sind in Gedanken bei den Opfern. Nur die Reihenfolge ändert sich gelegentlich, damit es nicht unangenehm auffällt. Manchmal ist man zuerst bei den Opfern und dann erst betroffen. Sich mal etwas anderes auszudenken, würde in Arbeit ausarten.

Und gerade dieses verlogene, mit den Gesichtern scheinheiliger Dominikanermönche vorgetragene Credo ist im Vergleich zu Frau Storchs Sticheleien die eigentliche Geschmacklosigkeit. Sie hilft niemandem, sie tröstet niemanden, sie hat keinerlei seelsorgerischen Nährwert. Aber sie gehört zum Pflichtpaket. Und jetzt, wo wir wissen, dass der Islam wieder einmal gar nichts damit zu tun hat, darf man – um mit Frau Merkel zu sprechen – auch schon mal ein wenig traurig sein.

© 2016 by Oliver M. Fehn