Vierzig Jahre minus zehn Minuten

gedicht 7

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre
wären wir uns gestern am Bahnsteig begegnet,
kurz bevor dein Zug einlief.
Ich hätte dich gefragt,
ob du wirklich schon fahren
oder lieber eine Runde mit mir flippern möchtest,
und dann hätte ich uns eine Coke spendiert,
und wir wären losgezogen, um zu sehen,
was der Tag so bringt.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
hättest du am Abend
ein wenig geweint,
und ich hätte dir
das Gesicht gestreichelt und gesagt:
Was soll’s, bleib einfach hier.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
wären wir keine Sekunde zum Schlafen gekommen
und vor Sonnenaufgang zum Fluss gelaufen,
barfuß und den Silberstaub der Nacht
noch an den Wimpern.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
hätten wir uns wieder verabredet,
und es wären die großen Ferien gekommen,
dann der Herbst und dann ein Leben,
und längst hätten wir zwei Kinder:
einen Jungen mit deiner Augenfarbe,
und ein Mädchen mit meinem Grinsen.

Wenn ich nur vierzig Jahre
minus zehn Minuten
jünger wäre …
und die Züge noch so pünktlich wie damals.

© 2016 by Oliver M. Fehn

Paul Zech: Ballade vom Grubenpferd

grubenpferd

So schwarz weint keine Nacht am schwarzen Gitter,
wie in dem schwarzen Schacht das blinde Pferd.
Ihm ist, als ob die Wiese, die es bitter
in jedem Heuhalm schmeckt, nie wiederkehrt.

Es wittert durch das schwarze Fleisch der Steine
den Tod, und sieht ihn mit den toten Augen an,
und ist die ganze Nacht mit ihm alleine
und geht nur widerwillig im Gespann.

Der Knabe, der es durch die Gänge treibt,
will es mit Brot und Zucker fröhlich machen.
…es kann nicht mehr wie andere Pferde lachen,
in seinen Augen bohrt die schwarze Nacht, und bleibt.

Nur manchmal, wenn vermengt mit Harz und Laub
waldfrisches Holz dort unten in der Grube landet,
reißt es, von Wahnsinn jäh umbrandet,
den Schädel hoch und stampft die Menschen in den Staub.

Im Berg, die schwarze Wetternacht,
schlägt Funken aus den Hufen
und ehe noch die Notsignale rufen,
hat sich das blinde Pferd verhundertfacht.

Und poltert durch das schwarze Labyrinth
und stürzt im Fliehn die tiefe Felsentreppe
herab und wiehert durch die grüne Steppe,
auf der die toten Pferde mächtig sind.

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Eine Auswahl der schönsten Gedichte von Paul Zech (herausgegeben von Oliver Fehn) erscheint in Kürze unter dem Titel “Was wird hinter dem Dunkel sein?” beim Pandämonium-Verlag.

 

 

Die Kurzgeschichten

die in den letzten Monaten auf meinem Blog “A Safe Place to Land” von jedermann kostenlos gelesen werden konnten, sind ab heute nicht mehr verfügbar. Sie werden bald zusammen mit unveröffentlichtem Material als Teil einer Story- und Gedichtsammlung in Buchform erscheinen, ähnlich dem Band “Keiner will mehr nach San Francisco”. Alle, die sich immer nur vorgenommen haben, sie zu lesen, aber nie dazu gekommen sind, müssen sich nun eine Weile gedulden.