Vierzig Jahre minus zehn Minuten

gedicht 7

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre
wären wir uns gestern am Bahnsteig begegnet,
kurz bevor dein Zug einlief.
Ich hätte dich gefragt,
ob du wirklich schon fahren
oder lieber eine Runde mit mir flippern möchtest,
und dann hätte ich uns eine Coke spendiert,
und wir wären losgezogen, um zu sehen,
was der Tag so bringt.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
hättest du am Abend
ein wenig geweint,
und ich hätte dir
das Gesicht gestreichelt und gesagt:
Was soll’s, bleib einfach hier.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
wären wir keine Sekunde zum Schlafen gekommen
und vor Sonnenaufgang zum Fluss gelaufen,
barfuß und den Silberstaub der Nacht
noch an den Wimpern.

Wenn ich vierzig Jahre
minus zehn Minuten jünger wäre,
hätten wir uns wieder verabredet,
und es wären die großen Ferien gekommen,
dann der Herbst und dann ein Leben,
und längst hätten wir zwei Kinder:
einen Jungen mit deiner Augenfarbe,
und ein Mädchen mit meinem Grinsen.

Wenn ich nur vierzig Jahre
minus zehn Minuten
jünger wäre …
und die Züge noch so pünktlich wie damals.

© 2016 by Oliver M. Fehn

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