Die dritte Art von Magie – Ein Gespräch über das Wesen von Glück und Unglück

Hier als Reprint: Einer der vielen Texte zum Thema Magie und Satanismus, die ich damals (zu Beginn des neuen Jahrtausends) schrieb.

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Vor einiger Zeit fuhr ich nachts mit dem Wagen einen abgelegenen Waldweg entlang, als eine Gestalt in der Lichtung mir hektisch zuwinkte. Ich halte in solchen Situationen selten, seit unter ähnlichen Umständen einmal ein hünenhafter Irrer in meinem Wagen gelandet war, den ich nur durch raffinierte Täuschungsmanöver wieder loswerden konnte. Meinem Selbsterhaltungstrieb ist kein Helferinstinkt dieser Welt gewachsen.

Diesmal jedoch fuhr ich rechts ran, denn ich hatte in dem Mann einen Freund aus alten Tagen wiedererkannt. Wir waren uns seit  Jahren nicht mehr begegnet, und als er einstieg, sah ich panische Angst in seinen Augen. Seine Hände zitterten, und er heulte erst mal und fiel mir um den Hals.

Ein paar Meter entfernt in der Böschung sah ich, auf dem Dach liegend, seinen Wagen.

„Den müssen wir rausziehen lassen“, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf und umklammerte meine Hand. „Nicht jetzt. Fahr mich erst nach Hause, damit ich meine Pillen schlucken kann. Wenn ich sie nicht täglich zur gleichen Stunde einnehme, schmiert mir der Kreislauf ab. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen.“

Ich fuhr ihn zu seiner Wohnung, er nahm die Medikamente, doch anstatt den Abschleppdienst zu rufen, setzten wir uns raus in den Garten, schlürften einen Drink, und zwischen uns entspann sich – unter einem aufplatzenden Nachthimmel, der Sterne verstreute wie Salz – ein Dialog, den ich im Nachhinein als „Gespräch über das Wesen von Glück und Unglück“ bezeichnen möchte.

„Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn du nicht vorbeigekommen wärst“, sagte er.

Ich grinste und stieß mit ihm an. „Ich bin mir sicher, dann wäre dein Wagen nicht von der Straße abgekommen.“

„Was?“

„Ja. Du bist nur in die Böschung gefahren, weil du wusstest, dass ich gleich vorbeikommen würde.“

Er sah mich an, als wäre es vielleicht ratsamer gewesen, mich nicht so leichtsinnig in seine Wohnung zu lassen. „Was faselst du da? Woher zum Teufel sollte ich wissen, dass du dort vorbeikommst? Ich war – mein Gott – seit Jahren nicht mehr in dieser Gegend und …“

„Du hast es gewusst, ohne zu wissen, dass du es wusstest. Das Leben ist nicht so simpel, wie wir es uns vorstellen. Es geschieht nichts einfach so für sich. Wenn irgendwo etwas geschieht, geschehen anderswo drei, vier, fünf Dinge gleichzeitig, die damit eine Menge zu tun haben. Ansonsten wäre jede Handlung, die du begehst, ein Verstoß gegen die Balance, die in dir und dem gesamten Universum herrscht. Du kannst nicht einfach einen Baustein herausziehen und glauben, das Häuschen könne stabil bleiben. Wenn du vorne einen Stein herausziehst, setzt jemand von hinten einen anderen ein, damit das Haus nicht zum Einsturz kommt. Aber eben von hinten, so dass du es nicht siehst.“

„Trotzdem“, sagte er. „Irgendwo ist da ein Denkfehler. Welchen Sinn hätte es für mich, von der Straße abzukommen, wenn du sowieso kommst und mich aufliest? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, ich hätte den Unfall gar nicht erst gehabt?“

Ich sah, er dachte mit, und die Sache begann, mir Spaß zu machen. Solche Gespräche funktionieren am besten im Sommer, draußen, nachts unter den Sternen.

„Hast du dir irgendwann mal ganz fest gewünscht, wir würden uns wiedertreffen?“

„Hm, ich glaube schon.“

„Siehst du, ich auch. Und meine Wünsche haben seit jeher die starke Neigung, sich früher oder später zu erfüllen. Aber immer nach dem Motto: so wenig Wunder wie möglich, und so eng es geht im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung.“

Er schenkte sich Whisky nach. An der Art, wie er ihn zwischen den Zähnen spülte, sah ich, dass er sich ebenfalls festgefressen hatte.

„Das will mir trotzdem nicht in den Schädel“, resümierte er nach einer Weile. „Hast du nie in der Zeitung gelesen, dass jemandem das gleiche wie mir passiert ist, ohne dass von irgendwo Rettung kam? Stell es dir einfach vor: ‚Verunglückt – keine Herztabletten einnehmen können – krepiert – drei Tage später von Spaziergängern gefunden’. Solche Zeitungsmeldungen sind doch keine Seltenheit.“

„Sind sie auch nicht. Das sind die vielen Häuschen, die zum Einsturz kommen. Und die Menschen, denen es passiert, mögen respektable, nette und sympathische Menschen sein – aber sie sind unbewusst blind gegen die Naturgesetze. Die Natur beschenkt jedem von uns mit einer Art Urvertrauen. Einem instinktiven Glauben an das eigene Unterbewusstsein. Der Mir-kann-nichts-geschehen-Haltung. Der felsenfesten Überzeugung: In mir steckt etwas Göttliches, das mich genau dorthin führt, wo ich sein muss, und das mich genau jene Wege meiden lässt, die mir im harmlosesten Fall den Tag vermurksen und im schlimmsten Fall meinen Untergang bedeuten würden.“

„Na gut. Und woher weißt du, dass ich nicht auch zu jenen Betriebsblinden gehöre?“

„Weil ich dann nicht dort vorbeigekommen wäre.“

ER:  Okay. Gehen wir mal davon aus, du hast recht. Dazu muss ich aber wissen, wieso du auf diesem Waldweg unterwegs warst. Wo bist du hergekommen? Von zu Hause, wo eine innere Stimme dir sagte: ‚Setz dich sofort in den Wagen und fahr dorthin?’

OF:  Nö. Ich war bei einer Bekannten, und der Weg durch diesen Wald ist eine Abkürzung. Das ist alles.

Er:  Siehst du. Du wärst also auch hier entlang gefahren, wenn ich keinen Unfall gehabt hätte. Ja, sogar, wenn es mich gar nicht gäbe.

OF:  Punkt eins: Ja. Ich wäre vermutlich auch entlang gefahren, wenn du keinen Unfall gehabt hättest. Das hätte weder mir noch dir geschadet. Ich bin an tausend Stellen vorbeigefahren, wo niemand einen Unfall hatte. Es ist der Normalfall.

Punkt Zwei: Da bin ich mir nicht so sicher. Wenn es dich gar nicht gäbe, würde ich vielleicht jene Bekannte gar nicht haben. Du weißt, wir kennen uns von früher, wir haben viel miteinander erlebt, und ich hab an den Abenden, die wir gemeinsam verbracht haben, eine Menge Leute kennengelernt, über die ich wieder andere kennengelernt habe und so weiter. Wenn ich genau nachdenke, gehört meine Bekannte von heute Abend dazu. Ich würde sie also nicht kennen, wenn es dich nicht gäbe. Aber wenn es dich nicht gäbe, würde es vielleicht auch sie nicht geben. Vielleicht doch. Wer weiß das schon? Das Universum ist ein Gesamtkunstwerk, stets um Ausgleich bemüht, um Harmonie, um Aussöhnung der Polaritäten. Die Ursache für etwas, das dir heute passiert, kann vor zweitausend Jahren im Hinteren Orient gesetzt worden sein. Kürzlich hat mir eine Jugendliche eine ganz ähnliche Frage gestellt wie du jetzt: Sie war zwei Jahre arbeitslos, ohne Anspruch auf Stütze – und in jener Zeit hat ihr Onkel ihr über die Runden geholfen. Dieser Onkel ist vor ein paar Monaten gestorben, kurz nachdem sie wieder Arbeit gefunden hatte. Sie fragte mich: ‚Was wäre aus mir geworden, wenn er ein Jahr früher gestorben wäre?’ Ich sagte: ‚Ein Jahr früher hat er nicht sterben können. Es war technisch unmöglich. Sonst wärst du vielleicht mitgestorben, und dass das nicht vorgesehen war, siehst du daran, dass du noch lebst.’

Er:  Wenn du vorgesehen sagst, bedeutet das nicht, dass du an eine Vorsehung glaubst? An Gott?

OF:  Ich meine nicht Gott. Den Begriff Gott zu verwenden birgt immer die Gefahr in sich, ein bewusst denkendes, handelndes, urteilendes Wesen dahinter zu vermuten, das in letzter Instanz die Projektion deiner eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten ist. Es gibt keinen Gott, der von oben herabblickt und sagt Den hier mache ich glücklich, und den anderen da drüben nicht. Ob du glücklich wirst oder nicht, hängt von dir selbst ab. Von deinem Vertrauen in deine eigene Göttlichkeit, die natürlich nicht identisch ist mit deinem Ego, es aber auf kolossale Weise beeinflusst. Dein Ego ist nichts Übles, auch wenn tausend spirituelle Lehrer dir das einreden wollen. Wenn dein Ego das ist, worauf es dir ankommt, wird der Gott, der du selbst bist, alles tun, um jenem Ego eine Freude zu bereiten, wovor er sich gewiss hüten würde, wenn dein Ego für dich schädlich wäre. Deine eigene Göttlichkeit ist so makellos und unfehlbar wie jeder Gott im Himmel, den du dir erdenken kannst.

Er:  Das erinnert mich an die Bibelstelle „Sorget nicht für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“

OF:  Ja, aber man kann so etwas nicht als Weisheit für die Massen vom Berg predigen. Man kann niemandem beibringen, ein bestimmtes Bewusstsein zu entwickeln. Bewusstsein entsteht, sobald jemand reif dafür ist, und die meisten Menschen erlangen diese Reife nie. Deshalb verläuft ihr Leben in den gröbsten Bahnen. Deshalb ist ihr Leben eine Serie von Schicksalsschlägen. Und es kann gar nicht anders sein, da sonst das Prinzip von Ursache und Wirkung nicht mehr gültig wäre. Es wird niemand belohnt werden, der sich diese Belohnung nicht auf Grund seiner Handlungsweise verdient hat. Du bist gleichzeitig Erschaffer und Zerstörer deiner Welt.

Es handelt sich um eine dritte Form von Magie. Neben der Höheren Magie, bei der man die Dinge indirekt beeinflusst, und der Niederen Magie, bei der man die Dinge weitaus direkter beeinflusst, werden sie hier völlig unbewusst beeinflusst. Du brauchst nichts zu tun. Du musst dir nur deiner Göttlichkeit bewusst sein. Allein dieses Bewusstsein setzt einen Mechanismus in Gang, der dein Leben zu einem Geflecht von Fügungen und „glücklichen Zufällen“ macht, die in der Rückschau aussehen, als hätte ein großer Romanautor sie entworfen. Du wirst biegsam und geschmeidig, du neigst dich fortwährend dem Glück entgegen, während alles Unglück kilometerweit entfernt an einer Art unsichtbaren Stahlkuppel von dir abprallt. Du wirst zu einem Geschöpf, das – je nach Bedarf – fliegen, rennen, schwimmen, tauchen und es in jeder dieser Disziplinen zur Weltmeisterschaft bringen kann. Du kannst – je nach Bedarf – so groß werden, dass der Feind vor dir wegrennt oder so klein, dass er dich nicht sieht. Du kannst die Spürnase eines Hundes entwickeln oder in der Dunkelheit sehen wie eine Katze. Du kannst alles. Du kannst es jetzt. Wäre schade, wenn es dir nicht gelingen würde, aus deinen alten Mustern auszubrechen.

Alles Leid dieser Welt ist die Folge von Unbeweglichkeit.

Geh hinaus auf die Straße – und du siehst Elend. Du siehst Menschen, die sich die Haare raufen und behaupten, ihr Glücksstern sei vom Himmel gefallen. Lass sie den Atlantischen Ozean durchschwimmen – wenn dort irgendwo auch nur ein Häufchen Scheiße treibt, sie greifen hinein. Und erklären dir, dass sie aus irgendeinem rationalen Grund genau dorthin schwimmen mussten, wo dieses Scheißhäufchen trieb. Sag ihnen, sie hätten nur einen Umweg schwimmen müssen – und sie werden lachen. Sag ihnen, es hätte eine Abkürzung gegeben – sie werden lachen. Weißt du jetzt, wo all das Unglück auf dieser Welt herkommt?

Falls nicht, such dir einen von ihnen aus, mit einem beliebigen Problem. Zum Beispiel einen, der auf seine Wohnung depressiv reagiert. Sag ihm das Einfachste, das Elementarste: Zieh um! – Er wird nicht umziehen. Er wird dir sagen: ‚Eine Wohnung kann nicht depressiv machen. Ich muss mich nur zusammenreißen.’ Und die kleinen Taschenuhren gehen ticke-tacke, ticke-tacke – und nie wirst du einen anderen Laut von ihnen vernehmen.

Such dir einen, der im seichten Wasser läuft, das ihm bis zur Brust reicht und beobachte, was geschieht, wenn das Wasser tiefer wird und er nicht mehr stehen kann. Er wird weiterlaufen. Auf dem Grund. Er kann schwimmen, aber er wird nicht schwimmen. Vom Laufen zum Schwimmen zu wechseln hieße sich einer neuen Situation optimal anzupassen – das alte Bewegungsmuster würde gegen ein neues, adäquateres Bewegungsmuster eingetauscht. Die Natur handelt instinktiv so, doch der zivilisierte Mensch hat sich diesen Instinkt im Laufe der Jahrhunderte weitgehend abtrainiert. Du wirst zusehen können, wie er ertrinkt. Früher habe ich solchen Leuten manchmal zugerufen: ‚Schwimmen! Du musst schwimmen!’ Und sie riefen zurück: „Ich bin bisher immer gelaufen, und es hat hervorragend geklappt! Warum sollte ich plötzlich etwas anderes tun? Ich bin fünfzig Jahre lang nicht geschwommen, warum soll ich auf meine alten Tage mit einem solchen Unfug anfangen?’ Dann gingen sie unter, und ich sah sie nie wieder.

Heute rufe ich solchen Leuten nichts mehr zu. Ich stehe am Ufer und nehme ihren Tod mit Gleichmut zur Kenntnis. Er macht mich weder glücklich noch unglücklich. Denn sie sterben täglich. Immer wieder neue kleine Tode. Ich sehe zu, nicke wie ein Chemiker, dessen Laborversuche die von ihm vermutete Formel bestätigen, dann laufe ich weiter. Breite, wenn es dunkel wird, meine Fledermausflügel aus und fliege in eine neue Metamorphose hinein.“

© 2004 by Oliver M. Fehn

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2 thoughts on “Die dritte Art von Magie – Ein Gespräch über das Wesen von Glück und Unglück

  1. gwetz says:

    Kausalitäten sind Folgen von Handlungen und Handlungen materialisieren sich immer aus Gedanken. Das heißt, jeder Gedanke beeinflusst diese von uns empfundene Wirklichkeit. Heißt das aber nicht auch, dass ein jeder in seinem eigenen Universum lebt? Also in seiner eigenen Matrix?

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