Sprecht endlich wieder normal!

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von Oliver Fehn

Es gibt Dinge, gegen die man auf direkte Weise nichts tun kann, Dinge, die uns der Staat einfach auferlegt – zum Beispiel die Höhe von Steuern, die Zuwanderungspolitik usw. Es gibt aber auch eine andere, moralische Ebene, auf der man sich durchaus verweigern kann – und das Problem hierzulande ist, dass zwar immer tausend Leute sich über eine Sache empören, zuletzt aber doch folgsam sind.

Mir als Schriftsteller fällt da natürlich als erstes der Umgang mit der Sprache ein – kein Verleger dieser Welt könnte mich dazu zwingen, ein Gender-Sternchen zu setzen, keine moralische Scheinverpflichtung daran hindern, meine Eindrücke in klaren Worten wiederzugeben, auch wenn es danach hundertmal als “diskriminierend” abgeurteilt würde.

Was keiner mitmacht, das kann nicht stattfinden – und das kleine Grüppchen komischer Heiliger, das mit geradezu religiösem Eifer der “reinen Lehre” folgt, kann im Endeffekt niemandem was anhaben. Stattdessen aber trieft das ganze Land vor Angstschweiß , den man – wie ein Hund – förmlich riechen kann: Die Leute entschuldigen sich reumütig für ihre “Ausrutscher”, nur damit ihnen ihr Platz in der Herde nicht verlorengeht – und darauf würde ich pfeifen, von mir würde man keine Entschuldigung hören, es sei denn, etwas, das ich getan habe, tut mir aufrichtig, von ganzem Herzen leid, aber nicht, weil der jeweilige Shitstorm es so will.

Daher mein Aufruf an alle am Ende eines bewegten und oft ärgerlichen Jahres: Leistet mehr zivilen Ungehorsam in den Belangen, wo ihr wirklich frei seid, zieht euer Ding so durch wie ihr es immer durchgezogen habt, macht euch nicht moralisch erpressbar – und sprecht auch im kommenden Jahr eine deutliche, unmissverständliche Sprache. Falls ihr nicht mehr wisst, wie das geht, sucht eine Zeitschrift aus den 70er Jahren hervor – dort stoßt ihr, im Vergleich zum inhaltsleeren Gemerkel unserer Tage, auf eine Klarheit und Eindeutigkeit, die man inzwischen gar nicht mehr für möglich hält. Kugelt euch beim Sprechen nicht die Mundwinkel aus, verliert euch nicht in Euphemismen, werdet ruhig auch mal grob. Die Weichen sind gestellt, das Unbehagen in Bezug auf “political correctness” welweit so groß wie nie, und die Sprache ist eins der mächtigsten Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen.

Man muss sie sich nur zu nutzen trauen.

© 2016 by Oliver M. Fehn

Ihr werdet sein wie Gott

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Soeben brandneu im Pandämonium-Verlag erschienen: Die illustrierte Neuauflage meines Buches “Das verlogene Paradies” (Erstauflage 2009). Bereits im Handel erhältlich. Hier schon mal eine Leseprobe:

Ihr werdet sein wie Gott

„Wie betörend sie ist“, grinste Satan, als er Eva zwischen den Fliederbüschen umherspringen sah. „Aber ist sie wirklich allein? Wo ist ihr Hüter? Der hängt ihr doch sonst wie eine Klette am Hals.“

Er zog sich das Gewand straff. „Mein Gott, diese Brüste. Allmählich wird mir klar, was ich dort oben verpasst habe. Vielleicht sollte ich warten, bis sie schläft, und dann meine Schlangengestalt zu intensiveren Erlebnissen nutzen. Wir hätten sicher unseren Spaß, und das Paradies würde seinem Namen endlich alle Ehre machen. Aber sei’s drum. Nun ist es Zeit für meine bühnenreife Leistung als Schlange. Meine Stimme muss  süß klingen, wie Flötentöne, aber in dieser Disziplin bin ich ein Naturtalent. Was hab ich dem alten Jahwe nicht an Süßholz vorgeraspelt. Ich komme, holde Schönheit.“

Es dauerte eine Weile, bis Eva die sich über den Boden windende Schlange bemerkte. Dann verfolgten ihre Augen voller Neugier den Weg des seltsamen Geschöpfs.

„Sei gegrüßt, Mutter der Menschen“, sagte Satan.

Eva war zu verblüfft, um den Gruß der Schlange zu erwidern. „Wie eigenartig“, sagte sie zu sich selbst. „Ein sprechendes Wesen aus dem Tierreich ist mir noch nie begegnet. Die Frösche quaken, die Hirschkuh blökt, und die Vögel erfreuen uns mit ihrem Gesang. Und von der Schlange heißt es zwar, sie sei das klügste unter den Tieren, doch dass ihre Kehle auch Menschenlaute zustande bringt, wusste ich bislang nicht.“

Wie schade, dass Schlangen nicht lächeln können, dachte Satan. So muss ich mit Worten ersetzen, was mir an Mimik versagt bleibt.

„Du bist eine gute Beobachterin“, sprach er. „Tatsächlich hat unser Schöpfer mir die Gabe zu sprechen nicht in die Wiege gelegt. Ein tonloses und nicht sehr einnehmendes Zischen war zuvor meine Muttersprache. Dann zog ich, ein paar Tage ist es her, am Abend meine Bahn durch Eden, hungrig vom Tag, und kam zu einem Baum, dessen Früchte mir schön und verlockend erschienen. Ich beschloss, meinen Appetit an ihnen zu stillen; doch schon beim ersten Bissen wurde ich gewahr, dass eine so köstliche Speise meine Zunge zuvor nie berührt hatte. Und damit nicht genug. Eine seltsame Wandlung ging in mir vor: Nicht nur, dass ich auf einmal klar und folgerichtig denken konnte, wie es sonst euch Menschen vorbehalten ist; es gelang mir sogar, meine Gedanken laut auszusprechen. Und mehr noch. Seit ich von jener Frucht gegessen habe, weiß ich auch, was Schönheit bedeutet. Vorhin, als du dich über meinen Gruß so gewundert hast, strahlte in deinen Augen die Unschuld von Gottes Schöpfung. Ich habe noch nie einen Engel gesehen, aber viel über sie gehört; und so vermute ich, dass sie dir ähneln, jene Geschöpfe, die Gottes Anmut am nächsten sind. Am liebsten würde ich jetzt, in der Mittagshitze, den schwitzenden Leib an deinen Brüsten kühlen. Aber du hast ja einen Gemahl, und der will allein mit deinen Brüsten spielen, was sein verdientes Vorrecht ist. Verzeih mir, wenn ich ungalant war.“

„Wo wächst denn jener Baum, von dem du mir erzählt hast?“ fragte Eva, die sich wünschte, auch Adam würde mitunter so freizügig mit ihr reden.

„Dort drüben ist ein kleines Myrrhengehölz, hinter dem ein Quell entspringt. Geh nur immer dem Gurgeln des Bächleins nach, dann kannst du den Baum nicht verfehlen.“

Eva, die Adam mehr vermisste als sie noch vor ein paar Stunden geglaubt hatte, war froh, ein wenig Gesellschaft gefunden zu haben. „Zeigst du es mir?“ fragte sie.

„Ja, aber um dich zu führen, bin ich entschieden zu langsam“, sprach die Schlange. „Heb mich doch auf deinen Busen, dann kann ich mit dir Schritt halten und dir den Weg ins Ohr flüstern.“

Sie tat es wie unter Zwang, und nach einiger Zeit sprach Satan: „Es ist doch weiter, als ich gedacht habe. Wir müssen erst noch da lang und hier vorbei, dann durch jenen Wald und über dieses Feld.“ In Wirklichkeit ließ er sie, um den Aufenthalt an ihrem Busen so lang wie möglich genießen zu können, tausend Umwege gehen. Als sie nach vielen Stunden endlich den Baum erreicht hatten, durchfuhr es Eva wie ein Blitz und sie sprach:

„Wir hätten uns den Weg sparen können. Diesen Baum kenne ich wohl; und wenn du davon gegessen hast, so ist das deine Sache. Ich aber darf es nicht. Gott hat es uns Menschen ausdrücklich verboten.“

„Was? Ihr sollt den Garten bestellen und dürft nicht einmal von den Früchten essen?“ fragte die Schlange entsetzt.

„Wir dürfen von allen Früchten essen. Nur dieser Baum ist eine Ausnahme. Gott sagt, wer davon isst, muss noch am gleichen Tag sterben.“

Satan schwieg eine Weile, dann sagte er: „Das soll einer verstehen. Bist du sicher, dass dies der Baum ist, den Gott meinte?“ Es gelang ihm, einen ratlosen Ausdruck in seine Schlangenaugen zu zaubern. „Ich habe schließlich schon vor Tagen davon gekostet und fühle mich noch immer sehr lebendig.“

„Ich täusche mich nicht“, sagte Eva. Aus Angst, sich zu versündigen, hatte sie sich sowohl den Ort, an dem der Baum der Erkenntnis wuchs, als auch seine Gestalt gut eingeprägt.

Satan ließ nicht locker. „Es kann nur ein Irrtum sein. Gott hat euch Menschen doch gesagt, herrscht über die Erde und macht sie euch untertan. Kaum zu glauben, dass einem Tier gestattet sein soll, was dem Menschen untersagt ist. Sieh dir den Baum lieber noch mal genauer an.“

„Er ist es“, sagte Eva. „Und ich werde mich hüten, von seinen Früchten zu essen.“

Nun begann Satan zu lachen. „Natürlich“, rief er. „Jetzt weiß ich, was es mit dem Baum auf sich hat. Hat Gott euch nicht gesagt, ihr sollt den Tod nicht fürchten? Klar hat er’s euch gesagt, denn wer stark im Glauben ist, so heißt es, der braucht vor dem Tod keine Angst zu haben. Du weißt bestimmt, worauf ich hinaus will.“

Eva wusste es nicht.

„Denk doch nach. Gott sagte, wenn ihr von den Früchten esst, werdet ihr sterben. Wer aber den Tod nicht fürchtet, den kann auch diese Drohung nicht schrecken. Gott will euch nur prüfen. Wenn ihr einen Bogen um diesen Baum macht, dann weiß er sofort, dass euer Glaube schwach ist, weil ihr Angst vor dem Tod habt. Esst ihr hingegen davon, so zeugt dies von eurem Gottvertrauen, denn dann lacht ihr dem Tod tapfer ins Gesicht. Dann bleibt euch die Belohnung, die auch mir durch den Verzehr zuteilwurde, sicher nicht verwehrt. Ich war ein Tier und wurde wie ein Mensch; ihr aber seid bereits Menschen, deshalb vermute ich, ihr werdet sein wie Gott.“

„Willst du damit sagen, Gott hat gelogen, als er uns den Tod androhte?“

„Oh nein, wie könnte unser Schöpfer lügen. Ihr müsst nur seine Worte richtig deuten: Wenn ihr zu Göttern werdet, stirbt dann nicht der Mensch in euch? Er muss es ja, denn wo ein neues Feld bestellt werden soll, muss das alte erst abgemäht werden. Es ist ein glorreicher Tod, der euch erwartet; und noch viel glorreicher wird eure Geburt als Götter sein.“

Noch immer umkoste die Schlange Evas Busen und kitzelte zärtlich mit der Zunge ihre Brustwarzen. Das Gefühl war Eva vertraut und dennoch neu. Mit einem Mal erschienen ihr die Früchte am Baum der Erkenntnis unwiderstehlich.

Sie streckte den Arm aus.

Zog ihn zurück.

Streckte ihn wieder aus.

Copyright 2009 by Oliver Fehn

Copyright 2016 by Pandämonium-Verlag & Oliver Fehn

“Ein fetter, trunksüchtiger, ordinärer Mönch”

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Zum sogenannten Reformationstag: Literatur-Nobelpreisträger Anatole France über Luther

„Dann jedoch – o Unstern, o schmähliches Missgeschick! – kam ein deutscher Mönch, gedunsen vor Bier und Theologie, und erhob sich gegen diese Renaissance des Heidentums, stieß Drohungen gegen sie aus, schmetterte sie nieder und setzte sich im Handumdrehen gegen die Kirchenfürsten durch. Er stachelte die Nationen dazu auf, eine Reform einzuleiten, um das zu retten, was zerstört werden sollte. Und nicht einmal der Klügste unter uns versuchte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Nur ein raffinierter Dämon, auf Erden Beelzebub genannt, machte ihn zur Zielscheibe seiner Attacken und quälte ihn mal mit gelehrten Streitgesprächen, mal mit grauenvollem Hohn. Der starrsinnige Mönch warf sein Tintenfass nach ihm und führte seine trostlose Reformation fort. Und was geschah letztendlich? Der stämmige Seemann reparierte und kalfaterte das havarierte Schiff der Kirche und setzte es wieder in Bewegung. Diesem Tonsurträger verdankt Jesus Christus es, dass sein Schiffswrack für gut weitere zehn Jahrhunderte auf Vordermann gebracht wurde. Nun verschlimmerten sich die Dinge nur noch. Im Gefolge dieses unflätigen Mönchs, dieses Schluckspechts und Großmauls, tauchte jener lange, spröde Doktor aus Genf auf, der – erfüllt vom Geist des alten Jahwe – diese Welt in die entsetzliche Zeit Josuas und der Richter Israels zurückführen wollte. Ein Besessener war er, getrieben von eiskalter Wut, ein Ketzer und Ketzerverbrenner – der bösartigste Widersacher der Grazien.

„Diese zornigen Apostel und ihre ebenso zornigen Anhänger schafften es, dass sogar Dämonen wie ich, ja selbst die gehörnten Teufel, sehnsüchtig auf die Zeit zurückblickten, in der die Jungfrau Mutter mit ihrem Sohn über eine Welt herrschte, die vor prächtigen Farben erstrahlte: Kathedralen, deren Plattenmaßwerk so filigran war wie Klöppelspitzen, lodernde Rosen auf Buntglas, Fresken in plastischen Farben, die viele wundersame Geschichten erzählten, üppige Aurifrisia, funkelnde Lacke auf Schreinen und Reliquienbehältern, das Gold von Kreuzen und Monstranzen, oder Wachskerzen, die unter den dunklen Gewölbedecken wie sternübersäte Galaxien erstrahlten, und die Orgeln mit ihren tieftönigen Harmonien. All das war natürlich nicht der Parthenon, ja nicht einmal die Panathenäen, doch es schmeichelte den Augen und den Herzen; es war auf alle Fälle Schönheit. Diese verfluchten Reformatoren jedoch ertrugen nichts Erfreuliches und Liebenswertes. Ihr hättet sie sehen sollen, wie sie in schwarzen Schwärmen über Torwege, Fundamente, Turmspitzen und Glockentürme herfielen; wie sie mit gefühllosen Hämmern auf die steinernen Bilder einschlugen, erschaffen von den Dämonen in gemeinsamer Arbeit mit den Meistern der Gestaltung, jenen hochbegabten Heiligen und gütigen, tiefgläubigen Frauen; und wie sie die ergreifenden Kultbilder jungfräulicher Mütter, die ihre Säuglinge an ihre Brust schmiegten, zu Staub zermalmten. Denn längst, das muss man gestehen, hatte sich eine erfreuliche Prise Heidentum in den Kult des eifersüchtigen Gottes eingeschlichen. Diese Ungeheuer von Häretikern wollten den Bilderkult ausrotten. Meine Gefährten und ich, wir taten unser Bestes, um sie an ihrem schrecklichen Werk zu hindern, und ich selbst hatte das Vergnügen, einige Dutzend von ihnen aus den Vorbauten und Galerien hinab auf den Domplatz zu schleudern, wo es mit ihren abscheulichen Gehirnen ein Ende nahm. Das Schlimmste von allem war, dass die katholische Kirche nun ebenfalls eine Reformation einleitete und gehässiger wurde als je zuvor. Im schönen Frankreich wuchs bei den Seminaristen und Mönchen eine unerhörte Wut gegen die erfinderischen Dämonen und die gelehrten Menschen. Mein Prior war einer der gnadenlosesten Gegner eines soliden Wissens. Denn einige Zeit zuvor hatten mein Studium und meine geistige Arbeit ihm Unbehagen verursacht; vielleicht hatte sein Blick auch meinen gespaltenen Huf erhascht. Der Schurke durchsuchte meine Zelle und fand Papier, Tinte, einige griechische Bücher in Neuausgabe und, an der Wand hängend, einige Panflöten. An diesen Zeichen identifizierte er mich als bösen Geist und ließ mich in einen Kerker werfen, wo ich vom Brot des Leidens und vom Wasser der Bitternis hätte genießen müssen, wäre ich nicht augenblicklich durchs Fenster geflüchtet, um Zuflucht in den baumreichen Wäldchen zu suchen, bei den Nymphen und Faunen.

„Aus allen Richtungen atmeten brennende Scheiterhaufen den Geruch von verkohltem Fleisch aus. Überall gab es Folter, Exekutionen, gebrochene Knochen, aus dem Mund geschnittene Zungen. Nie zuvor hatte der Geist Jahwes eine solch entsetzliche Rage verströmt.”

Anatole France, Aufstand der Engel (dt.: Oliver Fehn)
Buch erscheint 2017 im Pandämonium-Verlag