Was für ein Tier ist Daniel Düsentrieb? (Gespräch mit Dr. Erika Fuchs aus dem Jahr 1984)

fuchs

Donald ist 80, aber er geht nicht am Krückstock – er sieht noch ziemlich genauso aus wie damals, als er 50 wurde, nämlich wie 30. Ich erinnere mich gut an jenes Jahr, weil ich damals bei der hiesigen Regionalzeitung arbeitete – und Disney-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs lebte in Schwarzenbach an der Saale, keine zehn Kilometer entfernt. Als der Chefredakteur bei der Redaktionssitzung fragte, wer Lust hätte, dorthin zu fahren und Erika Fuchs zu interviewen, schnellte mein Finger sofort in die Höhe. Immerhin: Seit frühester Kindheit hatten Micky, Donald, Daisy und all die anderen Figuren des Entenhausener Universums meine Welt bestimmt. Da lässt man sich so etwas nicht entgehen.

Es war Sommer, es war drückend heiß. Das Haus von Erika Fuchs war nicht leicht zu finden; ich hatte mein Auto viel zu weit weg geparkt, und als ich endlich ein Gebäude fand, dessen Hausnummer mit der auf meinem Zettel übereinstimmte, war da nur ein Klingelschild mit der Aufschrift Summa-Feuerungen. Was blieb mir übrig? Ich läutete, aufs Geratewohl. Ohne darüber nachgedacht zu haben, erwartete ich so etwas wie einen livrierten Diener wie in einem der Disney-Hefte, vielleicht eine Ente oder einen Hund. Als jedoch schließlich die Tür aufging, stand die Dame des Hauses selbst vor mir.

„Habt ihr schon wieder euren Ball verschossen?“ fragte sie.

Ich fühlte mich ein wenig unbehaglich. Stimmte vielleicht etwas nicht mit ihr? „Ich komme von der Regionalpresse, ich sollte ein Gespräch mit Ihnen führen.“

Sie lacht. Sie hat große Augen, mädchenhaft, eine große Hornbrille, ein großes und freundliches Lächeln, und fuchsrotes Haar. „Ach, Sie sind das“, sagt sie. „Wie peinlich, ich dachte, Sie wären einer der Jungs, die vom Nachbarhof ständig ihren Fußball über den Zaun schießen.“ Sie lacht herzlich, ein unverfälschtes Lachen. Sie weiß meinen Namen, ist vorbereitet, bittet mich ins Haus. „Haben Sie keine Kamera dabei?“

„Der Fotograf kommt später noch.“ Sie nickt und führt mich in ein Büro, das ebenso das Kontor einer Buchhaltersozietät sein könnte. Alles aufgeräumt, alles schmucklos, alles sauber, geordnet. „Ich war ein wenig irritiert, weil da draußen Summa-Feuerungen steht“, sage ich.

„Nehmen Sie Platz, ich habe heißen Kaffee. Ja, mein Mann, Herr Fuchs, ist ein Erbe der Firma Summa. Sie werden ihn nicht zu sehen bekommen, er ist schwer krank. Aber er hat die Firma bis vor ein paar Jahren geleitet.“

„Die Tochter einer Bekannten meiner Großtante war auch mit einem Erben der Summa-Werke verheiratet“, erinnere ich mich.

„Wirklich? Wie hieß der?“

„Bär.“ Entenhausen ist überall.

„Es machen alle Leute erst mal große Augen, wenn sie hier hereinkommen. Die erwarten Disney-Plakate, Disney-Figuren, stapelweise Disney-Hefte. Aber seien wir doch ehrlich – wie können einem diese Figuren gefallen? Sie haben überhaupt kein Mienenspiel, genau wie die Figuren in Disneyland. Wenn Sie sich dagegen ein Comicheft von Carl Barks ansehen“, sie dreht sich um, greift in ein Regal und drückt mir ein Donald-Sammelalbum in die Hand, „können Sie auf seinem Gesicht alle möglichen Emotionen sehen: Freude, Wut, Enttäuschung. So etwas können diese Kunststofffiguren nicht. Es ist gar nicht möglich. Kommen Sie einmal mit.“

Sie geleitet mich in ein Nebenzimmer, wo ein wahres Monstrum von einer Goofy-Figur auf mich wartet: Mindestens zwei Meter groß, aufblasbar, und in der Tat furchtbar stupide. „Ich habe ihn von Besuchern als Geschenk bekommen“, sagt Erika Fuchs. „Und ich bringe es nicht übers Herz, ihn einfach wegzuwerfen. Aber manchmal“, sie kichert und ihre verschmitzten Augen freuen sich diebisch, als sie dem aufblasbaren Goofy über den Bauch streicht, „manchmal würde ich gerne mit einer Nadel reinstechen.“

Sie gießt mir Kaffee ein, er ist stark, ein Kaffee für Kenner, nicht für Kaffeetanten. „Unsere Gegend hat Sie zu ganz schön vielen Namen inspiriert“, sage ich. „Das fand ich als Kind so faszinierend. Dass man das Gefühl hatte, Donald wohne hier in der Gegend. Ich meine … Oberkotzau, der Ochsenkopf, Krötenbruck, die berühmten Hallersteiner Humpen. Sie werden lachen, kürzlich war ich in Hallerstein, irgendwann nachts, bei einem Oratorium, und ich konnte es mir nicht verkneifen, einen Ortsansässigen zu fragen, ob Hallerstein wirklich so bekannt für seine Humpen ist.“

„Der wusste gar nicht, wovon Sie redeten, oder?“ Ihre Augen leuchten schelmisch, als hätten wir jemandem zusammen einen Streich gespielt. „Nein, die Hallersteiner Humpen sind meine Erfindung. Aber diese ganzen anderen Namen … sehen Sie mal, einen Ort wie Krötenbruck kann man doch nicht erfinden. Den gibt es entweder, oder es gibt ihn nicht.“

Ich nicke. Der Sessel, in dem ich sitzen darf, ist bequem und ausladend. Seufz, würde ich am liebsten machen. Stattdessen frage ich: „Wie kommt man denn ausgerechnet zur Mickymaus in einem Land, das in den letzten Jahrzehnten nicht gerade für seinen Humor bekannt geworden ist?“

Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Sagen wir, ich bin dazugekommen, indem ich zufällig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort war. Eigentlich suchten die eine Übersetzerin für die deutsche Ausgabe des Reader’s Digest – dann wurde ich Zeugin eines Gesprächs, in dem es um die Eindeutschung dieser Disney-Comics ging. Na ja, und Sie wissen ja, wie das ist … man unterhält sich, man signalisiert sein Interesse, und irgendwann hat man den Job.“

„Einen netten Job, wie ich vermute?“

„Ja, aber es geht ganz anders, als die meisten Leute denken. Eigentlich übersetze ich gar nicht. Ich texte. Comic-Übersetzer müssen texten, da sich gewisse Idiome gar nicht in eine andere Sprache bringen lassen. Es fragt mich auch kein Mensch, was ich in diese Sprechblasen hineinschreibe, es muss nur Sinn ergeben. Ich kann Aussagen völlig verändern, ich kann … na ja, fabulieren, wenn Sie so wollen. Das ist das eigentlich Schöne an dieser Tätigkeit: dass man völlig frei ist.“

„Auch bei den Namen der Figuren, schätze ich? Ich habe als Kind Hefte in beiden Sprachen gelesen, und die deutschen Namen waren oft sehr viel kreativer. Zum Beispiel die Panzerknacker.“

„Ja, das stammt von mir. Im Original heißen sie die Beagle Boys.“

„Es sollen Hunde sein, ja … aber warum eigentlich Beagles? Ich meine, Snoopy ist ein Beagle.“

„Das sind zwei verschiedene Universen, Disney und Charles M. Schulz, die dürfen Sie nicht durcheinanderbringen. Sie wissen auch, wie Tick, Trick und Track heißen?“

„Ja, Huey, Duey and Lewey. Verwirrend fand ich immer Gustav Gans. Er sieht aus wie eine Ente, heißt aber Gans. Franz Gans hat den gleichen Nachnamen, sieht aber auch wirklich aus wie eine Gans.“

„Das stimmt.“ Es ist ihr anzusehen, dass das Gespräch über tierische Finessen ihr Spaß macht. „Aber Sie wissen sicher auch, dass Franz Gans im Original eigentlich Gus Goose heißt. Gustav Gans heißt Gladstone Gander. Ein Gänserich also. Sie scheinen nicht verwandt zu sein.“

„Wissen Sie, wohinter ich nie gekommen bin? Was Gyro Gearloose, den Sie Daniel Düsentrieb getauft haben, eigentlich für ein seltsamer Vogel ist.“

„Das wissen Sie nicht?“

„Nein. Irgendein Raubvogel?“

„Nein, doch kein Raubvogel. Daniel Düsentrieb ist ein Huhn.“

„Ein Huhn?“

„Ja, aber ein anderes als Henny Huhn, die Freundin von Daisy und Minni. Das ist eine Henne, eine Glucke. Daniel Düsentrieb ist … ja, ein Hahn ist er auch nicht, eher so ein geschlechtsloses Huhn.“

„Ein Kapaun?“

„So weit würde ich nicht gehen. Sagen wir, er verkörpert einfach die Spezies Huhn.“

Das Disney-Universum ist groß, und wir reden über zwei Stunden lang, in deren Verlauf auch der Fotograf kommt, seine Bilder schießt und wieder geht, und auch – Herr Fuchs einmal auftaucht. Er wirkt verwirrt, wie Menschen nach einem Schlaganfall, sie spricht sehr sanft mit ihm, erklärt, dass ich wegen Donalds Geburtstag hier bin und ein Interview mache, dann schlurft er wieder hinaus.

„Er berät mich immer, wenn es um die Übersetzung von technischen Dingen geht“, sagt sie. „Denn davon habe ich nun wirklich keine Ahnung.“

„Dafür aber umso mehr von Literatur, vermute ich. Wenn Donald verliebt ist, verfällt er zum Beispiel  regelmäßig in eine Sprache, die an Heine und Schiller erinnert: Komm, Liebste, lass uns jetzt zum leck’ren Mahle schreiten … das sagt er in einem der DD-Sonderhefte bei einem Picknick zu Daisy.“

Erika Fuchs nickt wissend. „Donald ist ein heimlicher Schöngeist. Er ist ein Choleriker und fürchterlich reizbar, aber auch ein Schöngeist.“

„Er liest sogar Tolstoi als Einschlaflektüre. Krieg und Frieden.“

„Sie gucken sehr genau hin. Aber mal im Ernst, das mit der Sprache mache ich bewusst. Die deutsche Sprache ist sehr schön, wenn man sie richtig benutzt. Ich achte auch immer darauf, dass die Hefte völlig unsentimental bleiben. Das macht ihren Reiz aus. Donald kann sich beim Skifahren den Knöchel brechen, oder Tick, Trick und Track können die Masern haben – aber Schicksale, richtige Schicksale gibt es in den Disney-Heften nicht. Die Menschen neigen ohnehin dazu, die Welt zu negativ zu sehen, vor allem junge Leute in unserer Zeit. Ich freue mich immer, wenn junge Menschen anpackend und positiv wirken und nicht nur jammern, wie schwer sie es haben.“

Wir trinken noch unsere Tassen leer, und Erika Fuchs zeigt mir einige Hefte, mit denen sie eine besondere Erinnerung verbindet. Dann muss ich zurück in die Redaktion. Ich habe ohnehin schon überzogen. Falls mich jemand fragt, werde ich einfach sagen, in Entenhausen gehen die Uhren anders. Frau Fuchs drückt mir die Hand, strahlt, schenkt mir zum Abschied noch ein Freiexemplar des neuen Hefts mit den „tollsten Geschichten von Donald Duck“.

„Bleiben Sie, wie Sie sind“, sagt sie. „Es war nett mit ihnen.“

„Ganz meinerseits. Und leihen Sie den Entenhausenern noch recht lange Ihre Stimme.“

„Ich hoffe doch.“

Es war nur so dahingesagt, aber tatsächlich war Erika Fuchs, als sie das letzte Heft mit bunten Comics übersetzte, weit über 90 Jahre alt.

Ich sah sie noch einmal wieder, viele Jahre später in München, und eher zufällig. Sie erkannte mich nicht. Ich fragte mich lange, ob ich sie ansprechen sollte, ließ es dann aber sein. Wer so viele Menschen kennenlernt und von ihnen mit Fragen bombardiert wird, ist vermutlich glücklich über jeden, der ihn vergisst.

Ich blickte nur ein paar Mal in ihre Richtung, in der Hoffnung, sie würde sich vielleicht doch erinnern, aber wie konnte ich das denken? Ich war inzwischen 39 – ein Alter, in dem man definitiv keine Bälle mehr über Nachbarzäune schießt.

(C) by Oliver Fehn

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