Nicht ohne meinen Hass

Oliver M. Fehn über den Gesetzesvorschlag von Heiko Maas

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Ich habe einen Bekannten, mit dem ich vormittags oft in die Stadt zum Kaffee fahre. Meist beginnt sein Auftritt mit den Worten: „Ich hasse es, wenn ich so lange auf meine Bestellung warten muss.“ Dann ist ihm der Kaffee nicht heiß genug: „Ich hasse kalten Kaffee.“ Zum Schluss hasst er es noch, wenn er zum Bezahlen nur einen Hundert-Euroschein hat, wenn auf dem Heimweg alle Ampeln in letzter Sekunde auf Rot schalten, wenn vor dem Haus jemand auf seinem Parkplatz steht. Es ist nun mal so: Gelegentlich hassen wir in diesem Leben das eine oder andere. Wir können das nicht steuern. Aber es zu artikulieren, wirkt befreiend.

Für viele Leute bot sich da schon immer Facebook an. Facebook ist für eine Menge Nutzer die tägliche Belanglosigkeit, oft Ausdruck eines Lebens ohne Höhepunkte, aber gelegentlich auch die letzte Rettung vor dem Magengeschwür. Da bewältigt man das Leben durch deftige Witze, gesalzene Bemerkungen, oftmals durch Drohungen, was man tun würde, wenn man nur könnte. Warum auch nicht? Für viele ist es die einzige Möglichkeit, ihren Unmut in Worte zu kleiden – das Gefühl, nicht ganz machtlos zu sein.

Und seinen Hass verbalisieren zu dürfen ist eine Notwendigkeit

Was zum Beispiel wäre Literatur ohne Hass? Was wäre Gott ohne Satan, Hamlet ohne Claudius, Harry Potter ohne Voldemort? Viel Lärm ohne Handlung. Negative Emotionen gehören zum Leben. Und es ist ja nicht so, dass uns dazu kein Anlass gegeben würde. Wenn wir einen spannenden Roman lesen, hassen wir den fiesen Gegenspieler für die Dauer von 200 bis 300 Seiten. Ist der fiese Gegenspieler kein böser Zauberer aus einem Roman, sondern ein sehr realer zugewanderter Lustmolch, ist unsere Abscheu verständlicherweise umso stärker.

Justizminister Maas ist mit seinen Zensurbestrebungen vorläufig gescheitert – der Gegenvorschlag der CDU/CSU jedoch ist mau und nicht das, was man sich als rettenden Anker der Vernunft erhoffte. Hass als Gefühl – und sei er noch so gerechtfertigt – wird darin auch weiterhin verteufelt, obwohl es zur großen Palette unserer Emotionen gehört. In solchen Fällen besteht immer die Gefahr, dass das Verdrängte sich selbständig macht, pervertiert, grausame Blüten treibt – oder sich zumindest in Form eines Magengeschwürs zurückmeldet.

Auffällig ist auch, dass sogenannte Hassbotschaften nie jemanden gestört haben, solange sie unter Deutschen ausgetauscht wurden.  Jetzt jedoch, wo wir „Menschen geschenkt“ bekommen haben, sollen wir sie gefälligst auch behandeln wie ein Geschenk. Leider waren sie vom Umtausch ausgeschlossen.

Wenigstens ein kleines Zeichen hätte man setzen können, dass die neue Empfindlichkeit keine Einbahnstraße ist – aber im Gegenteil. Deutsche Gerichte provozierten den Bürger noch frech, als sie den Begriff „Köterrasse“ für legal erklärten und AfD-Frau Weidel von den Systembajazzos ungestraft als „Nazischlampe“ bezeichnet werden darf. Wenn es einen Migranten trifft, stellt man sich dumm, als würde man das Wort Satire zum ersten Mal im Leben hören – trifft es einen Deutschen, mimen plötzlich alle den scharfsinnigen Satire-Kenner.

Maas‘ Gesetzesvorschlag ist noch nicht vom Tisch, es liegt nur auf Eis, und der größte Robespierre unter den Jakobinern möchte ihn noch im Sommer durchboxen. Im Herbst könnten seine Tage als Minister schon gezählt sein.

Der echte Robespierre endete, indem sein Kopf auf dem Richtplatz von Paris über die Guillotine rollte. Dürfen wir das wenigstens symbolisch als kleinen Mutmacher begreifen?

© 2017 by Oliver M. Fehn

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2 thoughts on “Nicht ohne meinen Hass

  1. Elfriede Mäcke says:

    Hallo Oliver,
    natürlich machen uns Emotionen erst zu Menschen, aber was mich stört ist nicht der konkrete Hass auf einen konkreten Menschen der etwas getan hat das unsere Abscheu rechtfertigt, was mich stört sind die undifferenzierten Hass-Rundumschläge, die unreflektierten Ablehnungen von Menschen. So weit ich mich noch erinnere hast auch Du darunter gelitten, genauso wie ich, damals in unserer Schulzeit. Ich hab Dich damals irgendwie dafür bewundert wie offensichtlich kaltschnäuzig Du das weggesteckt hast und an Deiner eigenen Welt gebastelt hast. Damals hast Du bereits in Deinen Gedichten und Geschichten gelebt. Ich habe mir da sehr viel schwerer getan mit der für mich nicht nachvollziehbaren Ablehnung klar zu kommen.
    Ich hasse auch die die hierher kommen um ihre Ideologie hier mit Gewalt auszuleben, die sich in unmenschlichen Gewalttaten austoben. Sie werfen ein schlechtes Bild auf jene, die wirklich Hilfe brauchen und deshalb kamen. Zu Menschen werden wir auch indem wir differenzieren und denen unsere Liebe und unser Mitgefühl schenken, die dies annehmen und zum Segen werden lassen. Denn ich meine es gibt auf dieser Welt nur 2 Nationalitäten, die des Menschen und die des Unmenschen. Letzterem gilt mein Hass, denn er bedroht nicht nur mich, sondern alle Menschen.
    In diesem Sinne grüßt Dich Elfi (Müller, Muche) Mäcke

  2. Oliver Fehn says:

    Hallo Elfriede, bleiben wir bei der Schulzeit. Aus jenen Tagen sind doch vor allem die übrig geblieben, die sich schon damals deutlich hervorhoben. Der Rest ist verschollen, hoffnungslos verspießert oder in die Bedeutungslosigkeit versunken. Gib ihre Namen bei Google ein – da kommt nichts. Frag nach ihren besonderen Leistungen – da waren keine. Solange sie Teil der Herde sein konnten und Herdeneigenschaften verkörperten, war ihr sozialer Erfolg natürlich groß – aber Herden verändern sich, degenerieren, verschwinden von der Bildfläche. Dann bleibt solchen Leute nichts, da sie nie etwas Eigenes, nie etwas Persönliches verkörperten, sondern immer nur gute Verwerter waren.

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