Warum schreiben Autoren eigentlich permanent übers Schreiben?

Ehrlich gesagt, ich hab die Faxen dick. Trotzdem vergeht kein Tag, an dem ich nicht von irgendeiner Seite damit konfrontiert werde: Mit der ständigen Nabelschau des Berufsstands Autor mit ebenjenem Berufsstand selbst. “Ach, immerzu fragen mich die Leute, ob ich ein richtiger Autor bin oder nur so zum Spaß schreibe.” “Ach, meine Kollegin sagt, ich soll einen Plot ausarbeiten, dabei schreibe ich doch viel lieber aus dem Bauch.” Oder man findet bei Facebook so Sachen wie: Soll ich meine Heldin zum Schluss sterben lassen oder nicht, was meint ihr? Sorry, wenn ich das nicht selbst weiß, warum habe ich mich dann nicht einfach für einen stressfreieren Job entschieden, in dem mein Chef mir die Entscheidungen abnimmt?

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie bei dem Knaur-Ableger „Neobooks“ enttäuschte Kandidat(inn)en zu guter Letzt in knallhart-schonungslosen Gonzo-Thrillern die nackte, aber brutale Wahrheit über das korrupte und schmierige Verlagswesen einem fassungslosen Publikum enthüllten, dessen Bestürzung jedoch eher damit zu tun hatte, dass man ihnen private Psychosen und Nervenzusammenbrüche anbot, während sie in Wahrheit nur auf eins warteten: Auf ein lesenswertes Manuskript.

Ihr nehmt euch zu ernst, Leute.

Wisst ihr, wie nervig das ist? Wenn man sich mit einem Kumpel trifft, der zufällig Metzger ist, und er erzählt einem den ganzen Abend von Fleischerhaken, Kühlhäusern und den EU-üblichen Preisen für gehackte Rindsleber oder mittelfettes Schweinsbries? Ihr kennt so jemanden? Dann wisst ihr auch, womit ihr beschäftigt seid, wenn ihr mit ihm zusammen seid: Das Gespräch unter Aufbietung aller Kräfte auf ein Thema zu lenken, das nichts mit Wurst, Mett oder Fett zu tun hat. Denn, geschätzte Autoren, um es einmal mit brutaler Ehrlichkeit zu sagen: Wenn ihr ordentliche Geschichten schreibt, reicht das euren Lesern völlig. Die Genesis eures Werkes, der Schweiß und die Tränen und die inneren Kämpfe, die neidischen Kollegen und wie ihr euch beim ersten Gespräch mit der Lektorin fast in die Hose gepinkelt habt – das mag bei euch selbst für so manche emotionale Wallung sorgen; euer Publikum, mit Verlaub, interessiert sich dafür nicht einmal, wenn ihm die Decke auf den Kopf fällt.

Ich höre schon das Gegenargument:  Ja gut, unsere Leser interessiert das vielleicht nicht, aber unter Kollegen wird man sich doch wohl austauschen dürfen. Mag sein, für Kollegen mache ich aber meine Facebook-Seite nicht. Die mache ich für Leser, und manchmal auch für Leute, die sich gar nicht für meine Bücher interessieren, dafür aber sonst ganz unterhaltsam sind. Zum Star – auch wenn das für manchen jetzt herb enttäuschend klingen mag – wird man durchs Bücherschreiben sowieso nicht. Ein Star muss man von Natur aus sein; wenn man dann auch noch ein paar gute Sätze schreibt, so als kleine Zugabe – umso besser.

Womit man übrigens noch weniger zum Star wird als durchs Bücherschreiben, ist durchs Jammern. Leider hat auch das Tradition. Alles muss negativ sein. Das Leben als Autor schlechthin – negativ. Die selbständige Krankenversicherung – negativ. Der Bankauszug – negativ. Ich kann mich nicht erinnern, bei Facebook jemals über meinen Beruf gejammert zu haben. Wenn ich ihm nicht gewachsen bin – ich glaube, die Müllabfuhr sucht gerade wieder Leute.

Mit Schreiben, um es einmal mit eigenen Worten zu sagen, ist es wie mit Sex: Man hat ihn, und darüber zu quatschen, falls man keinen hat, wird ihn nicht ersetzen. Daraus kann sich nun jeder selbst ableiten, was ich ihm wünsche. Nichts für ungut.

Oliver M. Fehn

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