Das Wunder von Santa Monica

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Es war in den achtziger Jahren, als ich in Short Hills lebte, dem Geburtsort meiner Mutter tief im ländlichen New Jersey. In dem Nest, wo es außer zwei großen, an der Peripherie gelegenen Supermärkten kaum Geschäfte gab, von einem Stadtkern ganz zu schweigen, dauerte es lange, bis ein Tag zu Ende ging, und das Aufregendste, was es dort zu hören gab, war das Zirpen der Zikaden in den Bäumen.

Ich war noch jung und wollte was erleben, also fuhr ich fast jeden Tag mit dem Bus nach Manhattan. Gleich in der Nähe des Grand Central Terminal war ein kleines italienisches Eiscafé, wo ich nach Ankunft für gewöhnlich erst mal Rast machte und einen oder zwei Espresso trank.

Diese vielen Cafébesuche sind in meinem Kopf inzwischen zu einem einzigen und langen verschmolzen, doch an einen Tag – es war Sommer und hatte seit Wochen nicht geregnet – erinnere ich mich genau. Continue reading

Eingeschneit

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„Auf keinen Fall die Haustür aufmachen“, hörte ich die Stimme meines Onkels Isaac vom Erdgeschoss herauf, als ich an jenem Morgen erwachte. „Sonst haut es uns den ganzen Mist ins Haus.“

Ich hatte gerade nochmal gähnen wollen, aber jetzt ging es nicht mehr. Mist war nichts Ungewöhnliches, wenn man auf dem Land wohnte. Aber wie kam er vor unser Haus, und wieso sollte er plötzlich durch die Tür hereinkommen?

„So was hab ich das letzte Mal als ganz kleines Mädchen erlebt“, hörte ich meine Mom sagen. „Wir kamen nicht mal bis zum Schuppen, wo die Kohlen drin waren und das Holz.“

Ich streckte mich kurz, dann sprang ich aus dem Bett. Der Wecker zeigte auf halb acht. Um diese unheilige Zeit wäre ich in den Weihnachtsferien sonst nie aufgestanden.

Als Onkel Isaac mich im Schlafanzug auf der Treppe sah, sagte er: „Wir sind eingeschneit.“

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Tastee, der Eisverkäufer

tastee

Just a Nightmare …

Zwei neue Gesichter tauchten in jenem Jahr in Orangeville auf: Das eine war lang und schmächtig und hatte traurige Augen, und wer es sehen wollte, musste zu Hadleys Pferdeweide gehen, die sich am Stadtrand über zwei Hügel mit Butterblumen und Klee erstreckte und von wo man in klaren Nächten bis nach New York sehen konnte.

Das war Sam, der Kartoffelgaul.

Sam wurde so genannt, weil er Farmer Cuskeens Wagen begleitete, der jeden Abend mit frisch vom Feld geernteten Kartoffeln durch die Stadt zog und auf seinem Weg eine Menge rotbackiger Äpfel an uns Kinder verschenkte. Sam, so hieß es, könne nicht mehr arbeiten, er sei dem Gewicht des Karrens nicht mehr gewachsen, deshalb gestattete man ihm, einfach nebenher zu laufen und ab und zu eine angestoßene Kartoffel zu verspeisen. Natürlich hatte ich längst erfahren, was mit Sam wirklich passiert war.

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Leseprobe aus meiner Novelle “Judith und Jolanthe” (erscheint Mai 2014)

Oliver Fehn – JUDITH UND JOLANTHE (Novelle, 2014)

KLAPPENTEXT

Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Jolanthe, die bäuerlich-herbe Raumpflegerin in der Nachtbar 49th Parallel, und die Serviererin Judith – jung, attraktiv und alles andere als ein Kind von Traurigkeit. Die beiden Frauen werden Freundinnen und erzählen sich aus ihrem Leben – doch als Judiths 12jähriger Sohn Levin auftaucht, der jede Nacht nach Sperrstunde zauberhafte Klänge auf dem Barpiano spielt, gerät Jolanthes Welt jäh aus den Fugen. Sie beginnt, den Jungen auf fanatische Weise zu vergöttern, und zeichnet ein Bild von ihm, dem Levin nicht gerecht werden kann.

Oliver Fehns erste längere Arbeit seit der „Klavierbrücke“ – eine Novelle voller Fantasie und Farben, die von Liebe handelt, von der Musik und vom versäumten Leben. Zu „Judith und Jolanthe“ komponierte der Autor auch vier Klavierstücke (Levin’s Theme, Judith’s Rag, Jolanthe’s Waltz und In Search of My Father), die er vielleicht irgendwann auf CD einspielen wird.

LESEPROBE

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