Kyrill, komm bald wieder

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Ich liebe Katastrophen. Oder sagen wir besser: Ich liebe Ausnahmezustände. Natürlich wünsche ich mir nicht, daß mir bei einem Ausnahmezustand ein Dach auf den Kopf fällt; aber ich glaube, ich gehöre nicht zu der Sorte Mensch, denen Dächer auf Köpfe fallen. So ist es mir möglich, bei jeder Katastrophe die sichere und gemütliche Rolle des Zuschauers einzunehmen. Und ich schwöre, es gehört zu den erlesensten Genüssen des Lebens.

Ganz oben auf meiner Lieblingsliste stehen Stürme und Unwetter. Als Ende 2006 Kyrill durchs Land rauschte, um unter den von der Tagesschau wachgerüttelten Schafsköpfen Verzweiflung und Todesängste zu säen, genoß ich in meiner Dachkammer das Heulen des Windes. Die Straßen waren wie leergefegt, die Laternen flackerten, und ich druckte mir aus dem Internet ein paar Artikel über berühmte Stürme und deren Verwüstungen aus, und wenn Freunde anriefen, um sich zu erkundigen, ob die Welt hier bereits kopfstehe oder alles noch okay sei, sagte ich: „Sie steht kopf, die Welt. Schön, wenn man ihr nicht angehört.“

Oder: Gestern abend hatten wir hier Glatteis. Alle Straßen wie mit Hydrolube eingeseift. Ich setzte mich ins Auto, um während einer gemächlichen Stadtfahrt zu erkunden, was dort so vor sich ging. Ich sah einen älteren Herrn, der keinen weiteren Schritt zu tun wagte, weder vorwärts noch zurück, nicht unähnlich einem jener Gerüstarbeiter, die während eines plötzlichen Anfalls von Höhenangst unvermutet „einfrieren“. Ich sah Autofahrer, die entnervt am Straßenrand parkten, um auf den Streudienst zu warten. Zwei Kinder fanden es lustig, auf Plastikblumenschalen über Eisflächen zu gleiten und dabei mindestens hundertmal zu Boden zu fallen. Kinder sehen die Welt immer eine Spur philosophischer. Der Rest wirkte wie verloren.

Was Herumrutschen und Zu-Boden-Fallen mit Philosophie zu tun hat? Nun, Philosophen stehen über den Dingen. Sie nehmen das, was geschieht, mit einem Grinsen zur Kenntnis und tun, was ihnen Spaß macht. Sie mögen das Gefühl zu gleiten, und wenn sie zu Boden fallen, haken sie das als mehr oder weniger erfreuliche Lebenslektion ab. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Kinder sich nicht weh tun. Vielleicht ist all das Gerede von spröden Knochen und steifen Gelenken älterer Leute nur eine große Lüge. Wie auch immer: Jeder echte Philosoph wäre sofort mitgerutscht. Doch der einzige Philosoph im Umkreis von zwanzig Kilometern hatte Lust, sich lieber noch ein wenig umzusehen.

Ich liebe Katastrophen, weil sie die Angst der Menschen schlagartig bloßlegen. Und alles erstarren lassen. Die Welt zum Stillstand bringen. Die kaputte Zufriedenheit, das Vertrauen auf Staat und Ordnungskräfte, das tägliche Rollenspiel, der roboterhafte Aktionismus – all das ist plötzlich nicht mehr wichtig. Von einer Sekunde zur anderen denken sie an ihr Leben, ihr Über-Leben, und – bei Sturmkatastrophen und Überschwemmungen – sogar an den Tod, was noch fesselnder ist. Zum ersten Mal geht es um die wesentlichen Dinge. Ums Sein. Ums Dasein. Was sie jahrelang auf ihren Sesselfurzersofas im Fernsehen genossen haben, ist nun Realität geworden. Jeder verkörpert auf einmal selbst eine Rolle im großen Thriller. Und hofft, entgegen seiner Gewohnheit, daß diesmal nicht allzu viele Special Effects zum Einsatz kommen.

Wie schön war noch der Vormittag. Man fuhr in sein Arbeitsnest und wieder zurück, sah sich seine Soap Opera an, studierte die Bundesliga-Ergebnisse, löffelte sein Joghurt mit den rechtsdrehenden Kulturen, bestellte sich im Internet einen Schuhlöffel mit Hiphop-Klingelton, ging vors Haus, pickte ein Bonbonpapier vom Gehsteig und trug es zum Mülleimer, fragte sich dabei, ob der Zaun nicht einen Anstrich vertrage, grüßte ein paar vorbeihumpelnde Nordic Walker, und so verging der Tag, und es war einer von vielen.

Und dann bekommt das Leben plötzlich Handlung.

Schnell rein in die Künstlergarderobe, und raus aus den Einfaltspinsel-Klamotten, wo war noch mal das Dramatik-Set, komplett mit Tränen, Händeringen und zitternden Gliedern? Dann raus aus der Garderobe: Oh Scheiße, das ist ja mein Leben. Also jammern. Was, wenn Kyrill mein Haus verwüstet? Zahlt so etwas die Versicherung? Was, wenn ich im Blitzeis ausrutsche und für den Rest meines Lebens querschnittgelähmt bleibe? Gack, gack, gack. Endlich einmal Handlung auf dem Hühnerhof.

Ich liebe Katastrophen. Weil Katastrophen Antidote gegen die tägliche Plattheit sind. Keiner nimmt sich mehr Zeit, über verschüttete Milch und verspätete Züge zu heulen, keine Industrie hat mehr Interesse daran, nicht-existente Krankheiten zu erfinden, nur um authentische Opfer-Illusionen für die vielen Rollenspieler bereitzustellen, die ihre eigene Rolle nie fanden. Der schwarze Koffer mit den Silbersternen und den Zauber-Gimmicks, wie überflüssig ist er plötzlich.

Keine Presse hält es mehr für nötig, die verbale Flatulenz von Staatsoberhäuptern zu Schlagzeilen aufzumotzen. Wie scheißegal ist es dem Mob auf einmal, wer Popstar des Monats oder neuer Trainer des FC Bayern München wird. Es ist wie in Millets Gemälde vom „Angelusläuten“, wo Pflug und Harke ruhen, als gäbe es keine Zeit mehr, nur weil fünf Uhr abends ist und die mahnende Glocke läutet. Ecce, ancilla Domini. Fiat mihi secundum verbum Tuum.

Wie schön. Wie still. Wie unverfälscht.

Kyrill, komm bald wieder. Und trainiere dir diesmal ruhig ein paar mehr Muskeln an. Ich werde, Ehrenwort, wieder in meiner Dachkammer sitzen und deiner Stimme lauschen und darüber nachdenken, wie schön man es auf dieser Welt hätte, wenn da immer Sturm wäre. Oder werde mit dem Auto durchs Gebirge fahren, um dein Wolfsgeheul aus nächster Nähe auszukosten. Und könnten die Leute, die Eingefrorenen und Verlorenen, mein sardonisches Gelächter hören, würden sie sagen: „Kein Zweifel. Er ist wirklich nicht von dieser Welt.“

© 2008 by Oliver M. Fehn

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