Ernstchen, der Weihnachtsesel

An jenem Abend sollte für Ernstchen alles anders werden.

Seit Jahren stand er nun schon im Stall bei den Kamelen, unter einer Menge anderer Esel, und keiner mochte ihn so recht. Das lag natürlich an seinen Ohren, die so lang waren, dass sie fast bis zum Boden reichten. Es kamen viele Leute zu seinem Besitzer, einem Bauern aus Nazareth, um sich das eine oder andere Tier für den heimischen Stall oder für die Reise zu kaufen, aber Ernstchen wollte keiner haben. „Mit so einem Esel muss man sich ja schämen“, sagten die meisten. „Auf dem seinen Ohren fahren doch nachts die Mäuse Schlittschuh.“

Nach solchen Besuchen, bei denen er dann doch im Stall stehen blieb, verzog sich Ernstchen immer in eine Ecke und weinte, und in den Nächten spürte er, dass sein Herz längst gebrochen war.

Am schlimmsten war es im Winter. Während die anderen Tiere draußen auf der Weide spielten, damit ihnen warm wurde, musste Ernstchen in seinem Stall bleiben und frieren, denn keiner hatte Lust, sich mit ihm abzugeben. Die Zeit verging immer langsamer, und je kälter die Tage, umso schwerer wurde das Leben für den kleinen Esel.

An einem solch eisigen Tag geschah es, dass kurz bevor der Mond aufging und die Sterne ihr Licht entfalteten, ein junges Paar an dem Haus des Bauern läutete.

„Wir haben eine lange Reise vor uns“, sagte der Mann. „Meine Frau erwartet ein Kind, und wir brauchen noch einen Esel, auf dem sie reiten kann, da sie den Weg zu Fuß nie schaffen würde.“

So zeigte der Bauer ihnen einige Tiere, während Ernstchen sich in den hintersten Teil des Stalles verkrümelt  hatte, da er ja wusste, man würde ihn ohnehin nicht nehmen.

„Was ist denn mit dem Eselchen da hinten?“ fragte die Frau.

„Ach!“ Der Bauer winkte ab. „Den braucht ihr euch gar nicht erst anzusehen. Der ist schon uralt. Ein langohriger Nichtsnutz, den bisher noch nie jemand kaufen wollte. Aber hier vor ihnen stehen doch einige wirklich prächtige Tiere.“

Nun war auch der Mann auf Ernstchen aufmerksam geworden. „Ich will ihn mir trotzdem einmal ansehen“, sagte er.

Da führte der Bauer Ernstchen an einem Zügel nach vorne. Der Mann musterte ihn eine Zeit lang, dann schüttelte er den Kopf. „Einen Esel mit so langen Ohren habe ich mein Leben lang noch nicht gesehen. Ich glaube, der ist wirklich nichts für uns.“

„Du solltest nicht nur auf seine Ohren schauen“, wandte die Frau ein. „Er hat doch wunderschöne lange Wimpern und einen so treuen Blick. Ich glaube nicht, dass er uns ein schlechter Reisebegleiter wäre, Josef.“

Der Mann zog seinen Geldsack hervor. „Was würdet ihr für den Esel denn nehmen?“ fragte er den Bauern.

„Ach, den könnt ihr fast umsonst haben. Ich bin ja kein Betrüger. Was soll ich für ein so minderwertiges Tier schon verlangen? Gebt mir einen halben Schekel, damit soll’s gut sein. Ich bin froh, wenn ich ihn endlich los bin.“

Und so bezahlten sie und zogen mit dem Esel davon. Es war eine seltsame Nacht: Am  Himmel drehten sich Sternennebel, das Echo der Dunkelheit klang wie weit entfernter Gesang, und vor ihnen stand ein großer, hell leuchtender Stern am Himmel, von dem sie wussten, dass sie ihm folgen mussten.

Der Weg von Nazareth nach Bethlehem führt mitten durch die Wüste, und so heiß es dort am Tag auch ist, so bitterkalt können die Nächte werden. Als Ernstchen merkte, dass Maria fror, legte er seine langen Ohren an und hüllte sie um ihren Bauch, denn er wusste, dass sich dort das Kind verbarg, das bald das Licht der Welt erblicken sollte.

„Was für ein guter Esel“, sagte Maria. „Ich bereue keine Minute, dass wir uns ausgerechnet für ihn entschieden haben.“

Bis zum Morgen blieb es kalt und feucht in den Weiten Galiläas, doch der Stern wies ihnen stets den Weg. Um die vierte Stunde nach Mitternacht jedoch kam Regen auf, und dicke Wolken verdunkelten den Himmel. Der Stern war nicht mehr zu sehen, und das ganze Land hüllte sich in Finsternis.

„Was machen wir nun, Maria?“ fragte der Mann. „Wir sind vom Weg abgekommen. So werden wir nie nach Bethlehem gelangen.“

Eine Weile zogen sie ratlos weiter, dann machte Ernstchen plötzlich einen Bogen nach links.

„Bleib gefälligst auf deinem Weg, du störrisches Vieh!“ schimpfte Josef.

Doch Ernstchen ließ sich von seinem Pfad nicht abbringen, auch dann nicht, als Josef schon nach der Peitsche greifen wollte, bis ihn seine Frau am Arm ergriff und sagte: „Tu ihm nicht weh. Hörst du nicht auch, was ich höre?“

Josef blieb stehen und lauschte. Tatsächlich. Da war ein Flüstern in der Luft, das aus dem Himmel zu kommen schien, beide jedoch verstanden sie kein Wort. Nur Ernstchen, der seine langen Ohren aufgestellt hatte, schien diese Laute sehr deutlich zu vernehmen.

„Es sind die Stimmen von Engeln“, sagte Maria. „Sie weisen uns den Weg, bis wir den Stern wieder sehen können. Und unser Esel ist der einzige, der sie wegen seiner langen Ohren richtig hören kann.“

Und so folgten die beiden Ernstchens Pfad, wanderten noch einen ganzen Tag lang, und in der nächsten Nacht, die hell und klar war, stand der Stern wieder am Himmel, und sie gönnten sich und dem Esel eine Prise Schlaf, bevor sie weiterzogen. Es war spät nach Mitternacht, als sie an einer Futterkrippe vorbeikamen, und da Ernstchen so großen Durst hatte, dass ihm schon die Zunge aus dem Maul hing, machten sie dort Halt.

Nachdem sie Ernstchen gespeist und getränkt hatten, sagte Maria zu ihrem Mann: „Ich glaube, es ist so weit. Meine Wehen haben eingesetzt. Wir werden es nicht mehr bis zur nächsten Herberge schaffen.“

„Dann muss es hier geschehen“, antwortete Josef. „In dem Stall ist es zwar kalt, aber doch wärmer und gemütlicher als da draußen. Dort steht ein großer Kübel mit Heu und Stroh, der soll ihm als Notbettchen dienen.“

Und so geschah es. Maria brachte ihr Kind zur Welt, und da der Morgen noch fern war und die Dunkelheit so groß, dass selbst die Nachtvögel und Klippdachse manchmal von ihrem Weg abkamen, beschloss das Paar, bis zum nächsten Tag in der Krippe zu bleiben und dann nach einer Herberge zu suchen, in der die Frau sich eine Zeit lang von ihrer Geburt erholen und ihrem Säugling Milch geben konnte.

Sie froren erbärmlich, und auch Ernstchen hatte sich in den hintersten Winkel des Stalles verkrochen, wo er wenigstens den Kopf mit seinen langen Ohren schützen konnte. Ein Ochse, der ebenfalls vor der Kälte in den Stall geflüchtet war, stellte sich mit seinem massigen Körper vor die Krippe, um das Kind vor den eisigen Winden zu schützen, die durch die Tür hereinbliesen, und Maria und Josef hielten einander im Arm, denn Menschen, die sich lieben, können einander sehr viel Wärme geben.

Es war schon spät nach Mitternacht, als plötzlich drei fremde Männer die Krippe betraten. Sie trugen Kronen auf ihren Häuptern, und als Maria sie sah, erschrak sie sehr. Josef war soeben etwas eingeschlummert, doch sie rüttelte ihn sofort wach und flüsterte: „Es sind Fremde gekommen.“

„Wer seid ihr?“ fragte Josef, sich die Augen reibend.

„Mein Name ist Balthasar“, sagte der älteste von ihnen, dessen Gesicht ein langer weißer Bart schmückte.

„Und mein Name ist Melchior“, sagte der zweite, ein junger und hübscher Mann mit einem glänzenden Gewand.

„Und ich heiße Kaspar“, erklärte der dritte, dessen Hautfarbe schwarz war und dem die Kälte der Nacht besonders zuzusetzen schien. „Unsere Wege haben sich gekreuzt, als wir auf dem Weg hierher waren. Wir sind einem Stern gefolgt, der uns den Pfad weisen sollte, doch als der Himmel sich bewölkte, hätten wir den Weg beinahe verloren. Wir sind wegen eures Kindes hier.“

„Wollt ihr es uns stehlen?“ fragte Josef misstrauisch.

Die drei Männer schüttelten den Kopf. „Wir können euch nur sagen, dass es ein ganz besonderes Kind ist. Und da es euer Kind ist, seid ihr natürlich auch ganz besondere Eltern.“

„Und ihr seid Könige?“ fragte Maria mit einem Blick auf die Kronen der Männer.

„Nein“, sagte Melchior. „Keiner von uns ist ein König. Wir sind Sterndeuter und Gelehrte. Die Kronen tragen wir nur, weil wir sie auf diese Weise am leichtesten hierher befördern konnten. Es sind unsere Geschenke an euch. Meine soll für dich sein, Maria – denn du hast die Schmerzen ertragen, die es bedeutet, ein Kind zur Welt zu bringen. Und wie ich schon sagte, es ist ein ganz außergewöhnliches Kind.“

„Meine Krone schenke ich dir, Josef“, sagte Kaspar. „Du bist schließlich der Vater dieses Säuglings, und ohne dich hätte es nie das Licht der Welt erblickt.“

„Und da ich der Älteste bin“, ergänzte Balthasar, „soll meine Krone für den Jüngsten sein, nämlich für das neugeborene Kind. Es wird ein paar Jahre dauern, bis er sie auf dem Kopf tragen kann, aber bis dahin werdet ihr verstanden haben, wie sehr er sie sich verdient hat.“

Er nahm sie vom Kopf und legte sie zu dem Kind in die Futterkrippe. Es waren wunderschöne Kronen, verziert mit funkelnden Steinen in den verschiedensten Farben.

„Nur schade, dass ihr nicht zu viert gekommen seid“, sagte Maria, der Ernstchens trauriger Blick nicht entgangen war. Er stand noch immer in der Ecke des Stalls, doch nun senkte er den Kopf so tief, dass er mit seinen langen Ohren den Boden des Stalls hätte fegen können.

„Dieser Esel hätte sich auch eine Krone verdient“, sagte sie. „denn ohne ihn wären nie hier angekommen. Wir hatten uns verlaufen, genau wie ihr. Doch dank seiner langen Ohren gelang es ihm, die Stimmen der Engel zu hören, die uns hierher geleiteten.“

Da wurden auch die drei Weisen traurig und wandten sich ab, und selbst in die Augen des Ochsen, der das Kind vor der rauen Nachtluft schützte, trat ein seltsam feuchter Glanz. In diesem Moment jedoch erschien ein weiterer Mann an der Stalltür. Maria und Josef glaubten, nicht richtig zu sehen. Mein heimliches Gebet ist erhört worden, dachte Maria bei sich. Dieser Mann hatte aber keine Krone bei sich, deshalb wurde sie rasch wieder betrübt, Erst jetzt fiel ihr auf, dass er ganz anders gekleidet war als die drei Sterndeuter: Er trug ein langes weißes Gewand, und sein Kopf war wie von einem Strahlenkranz umgeben. Maria erschrak.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten“, sagte der Mann. „Ich bin ein Bote des Himmels, und ich will euch beiden verraten, was die Weisen meinten, als sie sagten, euer Kind sei ein ganz außergewöhnliches Kind. Wenn er zum jungen Mann geworden ist, wird er versuchen, der Welt etwas über Liebe beizubringen. Die meisten“ – der Engel schluckte – „werden es zwar nicht begreifen und wie schon immer genau das Gegenteil von dem tun, was eigentlich in unseren Herzen geschrieben steht. Aber lassen wir das. Eines Tages werden die Menschen den Brauch entwickeln, sich an seinem Geburtstag symbolisch zu beschenken, so wie diese drei weisen Männer“ – er deutete auf Kaspar, Melchior und Balthasar – „euch mit ihren Kronen beschenkt haben, aber ihr habt natürlich Recht – das erste Weihnachtsgeschenk dieser Welt kam nicht von ihnen. Es kam von Ernstchen, dem Weihnachtsesel mit den langen Ohren. Ich kenne sein Schicksal. Alle, die ihn sehen, blicken nur auf seine langen Ohren. Ab heute jedoch soll ihr Blick abgelenkt werden von etwas viel Schönerem, das ich ihm im Namen des Himmels schenken möchte.“ Der Engel lächelte. „Mit Gold und Juwelen kann ein Esel nichts anfangen, aber mit einem goldenen Strahlenkranz, der wie Juwelen schimmert, vielleicht schon. Deshalb schenke ich Ernstchen einen Heiligenschein. Seine langen Ohren werden dann gar niemandem mehr auffallen.“

Er strich dem Esel segnend über das Fell, und sogleich bildete sich über Ernstchens Kopf ein leuchtender Schein, der in allen Regenbogenfarben erstrahlte. Ernstchen konnte ihn natürlich selbst nicht sehen, und erst als er sah, wie der Ochse, das junge Paar, die Sterndeuter und selbst der Engel ihn mit großen Augen bewunderten und bestaunten, stieß er ein fröhliches „I-aaa“ aus und begann so ausgelassen mit den Hufen zu scharren, dass das Jesuskind aus seinem Schlaf erwachte.

Und schon wenige Stunden nach seiner Geburt der Welt sein erstes Lächeln schenkte.

(C) 2010 by Oliver Fehn

 

 

 

 

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Die heilige Weihnachtszeit

Die heilige Weihnachtszeit

von Peter Rosegger

Die Weihnachtszeit hebt – wie die Weltgeschichte überhaupt – mit Adam und Eva an. Diese unsere lieben Eltern haben dem Kalender nach am 24. Dezember ihren Namenstag. Daher könnten schlechte Christen die Weihnachtsgeschenke auch so auslegen, als ob am Tage ihrer ersten Eltern, als am Erinnerungstage ihres eigenen Entstehens, die Menschheit mit Liebesgaben sich selber gratulierten. Weil ihr in der Tat zu gratulieren wäre, wenn sie sich täglich so benähme, wie am Weihnachtsabende.
Die eigentliche Weihnachtsvorahnung beginnt mit dem “Nikolo” und vollends mit der Thomasnacht, die Christnacht und die Silvesternacht sind die Nächte der fragenden Jungfrauen. In der Thomasnacht werfen sie ihre Schuhe nach der Kammertür; bleiben die Schuhe so liegen, dass die Spitzen in die Kammer weisen, so kommt im nächsten Jahr ein Bräutigam; stehen die Schuhspitzen gegen die Tür, so kann auch einer kommen, geht aber wieder fort. In der Christnacht tragen die Jungfrauen vom Holzgelass einen Arm voll Scheiter ins Haus; sind die Scheiter paarweise, heißt das: in gerader Zahl, so wird im nächsten Jahr geheiratet. In der Neujahrsnacht endlich soll beim Bleigießen ein Figürlein die Hoffnung bestätigen. Das liebe Dirndl im Hochreithhofe! die Schuhe versprachen ihn, die Scheiter versprachen ihn und das Blei ließ die günstige Auslegung zu. Er kam, sie saß ihm auf und – blieb sitzen. Jetzt weiß man nicht, sind die Männer nichts nutz, oder die Gebräuche!
Das heilige Schauern, das am Christabend durch die Welt geht, empfindet auch der Bauer. Auch ihm wird warm. Ist’s doch als ob an diesem Tage die Naturgesetze andere geworden wären. Fast bangt man um das Gleichgewicht der Welt, da so plötzlich alles Freude ist und überall die Charitas herrscht.
Zum Glück ist der Tag bald vorüber, dem großen Feste ducken sich St. Stefan und Johannes an; der erstere will als Erzmärtyrer an der Weihnachtsfeier Anteil haben, der letztere beruft sich auf seine besondere Freundschaft mit dem Heiland; der erstere macht sich bei den Bauern durch sein Stefaniewasser wichtig, der letztere weiß sich mit dem Johanneswein einzuschmeicheln – aber zu dem eigentlichen Weihnachtsgefolge gehört keiner von beiden. Erst der Unschuldige – Kindertag ist wieder echt; er bringt in den süßen Weihnachtsfrieden die schreckbare Kunde von dem Kindermassenmord des Herodes. Das Volk feiert dieses Gedächtnis durch Rutenstreiche, mit denen eins das Andere am Morgen des achtundzwanzigsten Tages im Dezember unter den Worten: “Frisch und gesund!” aus dem Bette peitscht.
Nach den unschuldigen Kindern kommt ein heiliger Thomas, geborener Londoner, ein Bischof zu Kandelberg, der sich so wacker und unbiegsam den Staatsgesetzen seines Vaterlandes widersetzt hatte, das ihn die Kirche heilig gesprochen. Unsere Bauern nenne den Mann “Thoma Windfeier” und sagen, wenn sie an diesem Tage nicht arbeiten, so werden sie im kommenden Jahre von kalten Winden und Stürmen verschont bleiben. Sie machen daraus den fünften Weihnachtsfeiertag.
Als sechster folgt einer aus dem alten Testament – ein berühmter Poet und Saitenspieler – der liebenswürdige König David. Der alte Herr hat in der Tat auch ein Recht, Weihnachtsbesuch zu machen bei dem Kinde, das ja seinem – dem Geschlechte Davids entstammt.
Heiligen – Legenden und antisemitische Kalender ignorieren den Alten und protegieren an diesem Tage die heilige Witwe Melania. Von dieser Witwe steht’s in der Hauspostille des Bauers gar schon zu lesen: sie war eine reiche Römerin, aus Liebe zu Gott etwas störrig gegen ihren Mann, bis sie dann beide ins Kloster gingen, wo der Gatte bald starb, Melania sich jedoch den göttlichen Wissenschaften hingab und mit großer Beredsamkeit der Frauen gegen die Irrlehren kämpfte. Vor so einer muss der jüdische Harfenist freilich zurück stehen.
Endlich ist Silvester da. Dieser Mann war bekanntlich römischer Papst; er hatte stark mit den Juden zu kämpfen. Ich erinnere mich an ein Geschichtlein. Eines Tages brachten die Juden einen wilden Ochsen zu ihm und sagten: der Name ihres Gottes sei so groß und schrecklich, dass, wenn sie selben dem Ochsen ins Ohr sagten das Tier auf der Stelle tot zusammen stürzen müsse. Der Papst ließ es auf eine Probe ankommen, und in der Tat, der Ochse fiel bei der Nennung des Judengottes um und war tot. Nun sagte der Papst Silvester: “Wenn der Name eures Gottes so schrecklich ist, ein Tier zu töten, so ist der Name des meinen so mächtig, es wieder zum Leben zu erwecken.” Er rief das Wort aus – und das Tier wurde wieder lebendig.
Indes hat Silvester seine große Berühmtheit weniger dieser Auferweckung zu danken, als dem Umstand, dass er der Schlusswart des Jahres geworden ist. Das ist aber beziehungsweise seit kurzer Zeit; erst im Jahre 1583, also vor dreihundert Jahren, hat der gregorianische Kalender im katholischen Deutschland Eingang gefunden, wonach Silvester als Torschließer angestellt wurde und als solcher mancherlei Gratifikation bezieht.
Das Neujahrsfest ist der achte in der Reihe der Weihnachtsfeiertage. an diesem Tage schiebt der Bauer seinem Vaterunser folgenden Satz an: “Wölln Gott bittn um a glückseliges neus Jahr; und dass er’s verflossni Johr glückseli g’schenkt hot, donksogn!” Der Kracher Martin auf der Niederlenthen ist so gottergeben zufrieden, dass er als ihm in einem Jahr ein reicher Oheim, zwei Weiber und eine Schwiegermutter starben, in dem Satz des darauf folgenden Neujahrsgebetes: “s verflossni Johr glückseli g’schenkt hot, donksogn’ nicht eine Silbe änderte.
Nun kommen vier Werktage, die aber, weil sie noch in der Weihnachtszeit liegen, eine gewisse Ausnahmestellung genießen; es soll in denselben weder gedroschen noch gesponnen werden. Der Abend des 5. Jänner gebärdet sich als ob mit ihm das hohe Fest von neuem beginnen wollte. Wie am Christ – und am Silvesterabend, so geht der Bauer mit dem Weihrauchgefäß und dem Sprengwedel durch Haus und Hof; nur der Unterschied, dass er diesmal mit der Kreide an jede Tür und jedes Tor drei Kreuze zeichnet, und auf die Türstirne seiner Stube oder den Trambaum folgende Zeichen malt: C + M + B +. Mancher, der’s leider selber nicht kann, entlehnt sich irgendwo einen Schriftgelehrten, der ihm die “heiligen drei Könige” aufschreibt.
Mich ließ einst für diese Geschäft unsere Nachbarin, die alte Riegelbergerin, holen; nun war im Hause ein Stück Kreide von der Größe einer Erbse, so dass ich es kaum zwischen den Fingern zu halten vermochte. Das C und das M gelangen mit Mühe, dann sprang das weiße Körnchen plötzlich ab, verkollerte sich auf dem Fletz und war nicht mehr zu finden. Was jetzt? Ich zeichnete das B mit einem Stück Holzkohle. die Riegelbergerin erschrak, denn gerade als Schutz gegen den “Schwarzen” hatte sie sich die heiligen Zeichen machen lassen. fragte ich denn ob sie diese Sache je mit besserem Schick und Sinn ausgeführt gesehen? Ob sie nie etwas davon gehört, von den heiligen drei Königen der eine der Balthasar, ein Mohr gewesen?
Der Ausspruch hat mir ein Stück Kletzenbrot eingetragen; was weiter war, weiß ich nicht mehr.
Wenn ihr brave Kinder wäret meine lieben Leser, ich würde euch viel Anmutiges erzählen von den heiligen drei Königen. Es sollen, sagt eine Auslegung, nicht sowohl Könige als Weise gewesen sein, aber man hat erwogen, dass man vor dem Volke mit goldschimmernden Königen mehr Ehre einlegt, als mit Weisen. Der Prophet Balaam hatte einst gesagt: Es wird aus dem Reiche Jakobs ein Stern aufgehen, und der wird einen mächtigen König bedeuten über Juden und Heiden. Hierauf stellten die Heiden Wächter auf einen Berg, den Stern zu erspähen, und diese wachten anderthalb tausend Jahre. Aber in einer Nacht, da von der Wüste der warme Hauch heranwehte und aus der Ferne das Meer rauschte, schliefen sie ein. Da ging der Stern auf. Das kündeten sie den Ländern. Und hierauf machten sich drei Könige auf den Weg, den Stern zu suchen. Es war nächtig und der Stern zuckte vor ihnen über den Erdeboden dahin, und weil sie Weise waren, so gingen sie dem neuen, unbekannten Lichte nach, Tage und Tage lang; es gesellten sich ihnen auch andere Könige und Herren bei mit großem Gefolge, bis sie in die Stadt Jerusalem kamen. In dieser Stadt sprachen sie beim Herodes vor, fragend, wo der große König sei, auf den der Stern deute? Der Judenkönig heehrte die Gäste mit Pomp und antwortete: der große König sei er selber und einen andern kenne er nicht in diesem Lande. Sie möchten aber suchen, fänden sie einen, der größer wäre als er, so sollten sie es ihn wissen lassen, dann sei er der erste, der sich neige. – Sie wanderten weiter. Der Stern glühte über die Auen dahin und stand still über einem Dache, das eine reisende Handwerksfamilie barg. Und ein Kindlein war da in der größten Armut und Bedürfnislosigkeit, und hatte helle, freundliche Augen. Die Könige, da sie müde waren und nicht mehr hoffen konnten, den Gesuchten zu finden, legten ihre besten Gaben dem Kinde hin. Aber die armen Leute sagten: “Wozu brauchen wir euer Gold, euren Weihrauch, Eure Myrrhen? Die Erde ist unser Bett, der Himmel ist unser Hut. Dieses Kind, welches so hablos ist, dass wir es auf das Heu des Rindes legen mussten, ist nicht gekommen zu empfangen, es ist gekommen zu geben.”
Da flüsterten die Könige zueinander: “Wir haben ihn gefunden. Lasst es uns eilig dem Herrn Bruder melden!” Einer von ihnen, der schwarz an Farbe war gab die Meinung ab, Herodes scheine nicht dazu angetan, sich in seinem Lande vor einem andern zu beugen. Es würde klug sein, ihm das Kind nicht zu verraten. Sie kehrten auf anderem Wege in ihre Länder zurück. – Herodes hatte trotzdem erfahren, dass sich unter den kleinen Kindern zu Bethlehem eines befinde, das nach der Weissagung der Juden größter König werden würde, und da es ihm nicht gelang, dasselbe herauszufinden, so ließ er in und um Bethlehem alle Knaben ermorden. –
Schlaft ihr? Oder weint ihr? Oder belächelt ihr den Erzähler? Ach, ihr habt die Botschaft schon allzu oft und in allzu absichtlicher Weise gehört, um die göttliche Lieblichkeit und wilde Größe, die darinnen liegt, noch zu empfinden! Von den drei wirklichen Weihnachtsfesten – der Geburt, der Beschneidung und der Erscheinung der Könige – birgt das letztere den grandiosesten Inhalt, die unbegreiflichsten Wunder. Warum kamen die mächtigsten Herren und knieten vor dem armen Kinde? Weil sie Weise waren. als ob sie wussten, dass sich im Wohlleben und Prunk kein Gottmensch entwickeln kann, dass die Armut und die Einsamkeit und die Verlassenheit, und alles Liebe und alles Leid des Volkes, dazu gehört einen groß angelegten Menschen zu einem Heros und Erlöser zu machen.
Wenn ich wieder einmal auf der Tenne stehen sollte und den Korngaben predigen, wie einst als zehn – bis vierzehnjähriger Junge, da ich den Strohköpfen die Weihnachtspredigten hielt, bis mir unser Knecht Markus einmal im Vertrauen mitteilte, ich sei der schönste Pfaff für die Hauskapelle in einem Narrenturm – wenn ich wieder einmal so vor Strohköpfen predigen sollte (kein Mensch kann’s wissen, was ihm bevorsteht) ich wollte die Geschichte von den drei heiligen Königen und ihrem Stern so verwegen ausspinnen, wie ich es an dieser Stelle nicht tun darf.
Am zweiten Tage nach Heiligen-Drei-König ist das Gedächtnis des heiligen Erhard, der im steirischen “Mannelkalender” mit einem Bischofsstabe und einer Holzaxt angedeutet steht.
Die Legende erzählt, dass die Holzaxt das Marterwerkzeug wäre, mit welchem der heilige Bischof getötet worden sei; aber der Bauer weiß es, dass Sankt Erhard die Axt hat, um damit endlich die Weihnachtsfeiertage abzuhacken, nachdem solche mit leichten Unterbrechungen zwei volle Wochen gedauert haben. Andere Auslegungen sind, dass Erhard mit der Axt die eingeeisten Mühlräder enteisen und dann in den Wald Brennholz hacken gehen will.
Und so ist Werktagzeit geworden. In der Kirche klingt die Weihnachtsstimmung noch bis Maria Lichtmess fort. Hier außen tobt der Karneval; wer nicht arbeitet und nicht betet, der mag tanzen, der Erdboden ins eingeölt, der Himmel drückt ein Auge zu.

Chanukka-Gewinnspiel (nur für Teilnahmeberechtigte)

Beantworten Sie bitte folgende drei Fragen:

1. Die Geschichte vom Ölwunder ist in der Bibel nicht enthalten. Trotzdem gibt es ein biblisches Buch, das mit den historischen Wurzeln des Chanukkafests stark  in Verbindung steht. Welches Buch ist das?

2. Im Mittelpunkt des Chanukkafests steht ein Leuchter mit Kerzen. Ist das eine sogenannte Menorah?

3. Was zeigt das folgende Bild?

Gewinner ist, wer als erster alle drei Fragen richtig beantwortet,

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Kurt Tucholsky: Der Primus

In einer französischen Versammlung neulich in Paris, wo es übrigens sehr deutschfreundlich herging, hat einer der Redner einen ganz entzückenden Satz gesagt, den ich mir gemerkt habe. Er sprach von dem Typus des Deutschen, analysierte ihn nicht ungeschickt und sagte dann, so ganz nebenbei: »Der Deutsche gleicht unserm Primus in der Klasse.« Wenn es mir die ›Leipziger Neuesten Nachrichten‹ nicht verboten hätten, hätte ich Hurra! gerufen.

Können Sie sich noch auf unsern Klassenprimus besinnen? Kein dummer Junge, beileibe nicht. Fleißig, exakt, sauber, wußte alles und konnte alles und wurde – zur Förderung der Disziplin – vom Lehrer gar nicht gefragt, wenn ihm an der Nasenspitze anzusehen war, dass er diesmal keine Antwort wußte. Der Primus konnte alles so wie wir andern, wenn wir das Buch unter der Bank aufgeschlagen hatten und ablassen. Meist war er nicht mal ein ekelhafter Musterknabe (das waren die Streber auf den ersten Plätzen, die gern Primus werden wollten) – er war im großen ganzen ein ganz netter Mensch, wenn auch eine leise Würde von ihm sanft ausstrahlte, die einen die letzte Kameradschaft niemals empfinden ließ. Der Primus arbeitete wirklich alles, was aufgegeben wurde, er arbeitete mit Überzeugung und Pflichtgefühl, er machte seine Arbeit um der Arbeit willen, und er machte sie musterhaft.

Schön und gut.

Da waren aber noch andre in der Klasse, die wurden niemals Primus. Das waren Jungen mit Phantasie (kein Primus hat Phantasie) – Jungen, die eine fast intuitive Auffassungsgabe hatten, aber nicht seine Leistungsfähigkeit, Jungen mit ungleicher Arbeitskraft, schwankende, ewig ein wenig suspekte Gestalten. Sie verstanden ihre Dichter oder ihre Physik oder ihr Englisch viel besser als die andern, besser als der ewig gleich arbeitsame Primus und mitunter besser als der Lehrer. Aber sie brachten es zu nichts. Sie mußten froh sein, wenn man sie überhaupt versetzte.

Es müßte einmal aufgeschrieben werden, was Primi so späterhin im Leben werden. Es ist ja nicht grade gesagt, dass nur der Ultimus ein Newton wird, und dass es schon zur Dokumentierung von Talent oder gar Gerne genügte, in der Klasse schlecht mitzukommen. Aber ich glaube nicht, dass es viele Musterschüler geben wird, die es im Leben weiter als bis zu einer durchaus mittelmäßigen Stellung gebracht haben.

Der Deutsche, wie er sich in den Augen eines Romanen spiegelt, ist zu musterhaft. Pflicht – Gehorsam – Arbeit: es wimmelt nur so von solchen Worten bei uns, hinter denen sich Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit verbergen. Das Land will seine Kinder alle zum Primus erziehen. Frankreich seine, zum Beispiel, zu Menschen, England: zu Männern. Die Tugend des deutschen Primus ist ein Laster, sein Fleiß eine unangenehme Angewohnheit, seine Artigkeit Mangel an Phantasie. In der Aula ist er eine große Nummer, und auch vor dem Herrn Direktor. Draußen zählt das alles nicht gar so sehr. Deutschland, Deutschland, über alles kann man dir hinwegsehen – aber dass du wirklich nur der Primus in der Welt bist: das ist bitter.