Tja, liebe Gutmenschen …

Jetzt werdet ihr euch ein paar neue Ausreden einfallen lassen müssen.

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Für alle Autoren …

… Publizisten, Künstler, Wissenschaftler unter euch: Guckt euch das mal in Ruhe an. Ich habe auch unterzeichnet.

erklärung 1

erklärung 2

 

Anleitung zum Lesen eines Gedichts

(Aus dem Vorwort der von mir im Pandämonium-Verlag herausgegebenen Gedichtsammlung von Paul Zech, “Was wird hinter dem Dunkel sein?”)

Gedichte sind Lieder. Und Lieder sind nicht dazu da, dass man sie nur einmal singt. Sie wachsen in uns, ihr Rhythmus wird Teil unseres eigenen Rhythmus, und manchmal spuken sie uns auch durch den Kopf und wollen nicht mehr weichen. Gedichte müssen anders gelesen werden als Romane oder Erzählungen. Aber wie?

Im Deutschunterricht war das so: Ein Gedicht wurde gemeinsam gelesen, bis man auf ein Bild stieß, eine Metapher. Aufgabe der Schüler war es nun, diese Metapher zu entschlüsseln – das heißt, dem Lehrer schwebte eine „Lösung“ vor, auf die es zu kommen galt, so dass zuletzt jeder die gleiche Interpretation auf seinem Blatt stehen hatte.

Aber so funktioniert Lyrik nicht.

Wenn es eine „richtige“ im Gegensatz zu vielen „falschen“ Deutungen eines poetischen Bilds gäbe, hätte der Dichter sich nicht erst die Mühe machen müssen, ein Bild überhaupt erst zu erschaffen. Allein die Tatsache, dass ein Eindruck verschlüsselt dargeboten wird, ist Beweis dafür, dass es keine allgemeingültige Lösung gibt; der Verfasser wollte ja kein bloßes Ratespiel veranstalten.

Lyrische Texte wenden sich nicht an unseren Verstand, sondern an unser Unbewusstes, auch dessen kollektiven Anteil. Sie sprechen in Bildern zu uns, die archetypische Erfahrungen wachrufen, bei jedem jedoch in einem anderen Gewand. Die lyrische Sprache drückt eine Quintessenz aus, die Eindrücke auf ihren kleinsten Nenner reduziert – wie einen Samen, in dem der fertige Baum bereits schlummert, der bei jedem aber auf seine eigene, sehr subjektive Weise entstehen muss.

Wenn Sie ein Gedicht lesen, lesen Sie es mehrmals – sechs- oder siebenmal -, denn erst dann beginnt es in ihnen zu singen, zu klingen. Lassen Sie die Bilder auf sich wirken, ohne nach ihrem genauen Sinn zu fragen. Manche Erfahrung lässt sich nicht in Worte fassen, sie wird geatmet, gespürt, getrunken, geträumt. Gehen Sie nicht mit dem Vorsatz ans Werk, Literatur zu konsumieren, und lesen Sie über Bilder, die Ihnen auf Anhieb nichts sagen, erst einmal hinweg. In Ihnen „erschafft es“ gerade, diesen Vorgang sollten sie nicht künstlich banalisieren.

(C) 2017 O. F.

Bibliophile Ausgabe, gebunden
88 Seiten
€ 14,95